SINUS und Milieus

Wie ich neulich in diesem Artikel erwähnt hatte, wollte ich Euch die SINUS- Milieustudie vorstellen und das anhand eines Fotoprojektes. Jetzt kennt sie jeder,der etwas sozialwissenschaftlich unterwegs ist und spätestens bei der Lektüre der einzelnen Feuilletons, in denen die heutige Teenagergeneration nicht ganz so gut wegkommt, ist zumindest der Name bekannt.

Das Sinus- Institut untersucht seit Anfang der 1980er Jahre die unterschiedlichen sozialen Milieus in Deutschland. Ziel ist es über qualitative Befragungsmethodiken Werte, Einstellungen und Lebensstile herauszinden und zu beschreiben. Dabei geht es nicht um eine primär numerische Zuordnung, sondern darum, verschiedene Gruppen herauszufinden und deren Lebenswelten zu beschreiben.

Die Sinus-Milieus liefern ein wirklichkeitsgetreues Bild der soziokulturellen Vielfalt in Gesellschaften, in dem sie die Befindlichkeiten und Orientierungen der Menschen, ihre Werte, Lebensziele, Lebensstile und Einstellungen sowie ihren sozialen Hintergrund genau beschreiben. Mit den Sinus-Milieus kann man die Lebenswelten der Menschen somit „von innen heraus“ verstehen, gleichsam in sie „eintauchen“. Mit den Sinus-Milieus versteht man, was die Menschen bewegt und wie sie bewegt werden können. Denn die Sinus-Milieus nehmen die Menschen ganzheitlich wahr, im Bezugssystem all dessen, was für ihr Leben Bedeutung hat. (Sinus- Institut, 2016)

Vor allem die Bilder der Wohnzimmer bzw. Jugendzimmer bei der Jugendstudie gelten vor allem unter Sozialwissenschaftlern immer als Highlight. Da ich ja mittlerweile im Jugendarbeitsbereich arbeite, ist es für mich immer wieder faszinierend, wie viel Milieu in uns allen steckt. Da allerdings die jugendliche Lebenswelt das ist, womit ich meine Brötchen verdiene, werde ich mich den Erwachsenen widmen.

*hier* findet ihr die detaillierten Milieubeschreibungen und *hier* weitere Infos zu den Studien des SINUS- Institutes.

Das literarische Solo

Jeffrey Eugenidis – Middlesex (2002)

middlesex

Erstausgabe: 2002
Epoche: Amerikanische Postmoderne

Inhalt:

Als 1922 die griechische und die armenische Minderheit in der Türkei systematisch ausgerottet wird, beschließen Lefty und Desdemona das Land zu verlassen und in die USA zu migrieren. Das Liebespaar traut sich auf dem Schiff, das sie in die USA bringen soll – was aber keiner weiß – dass beide Geheimnisträger sind. Dieses Geheimnis erweist sich als folgenschwer, als ihre Enkelin Caliope geboren wird.

Kritik:

Liebevoll verpackte Gesellschaftskritik, die sich mit der Assimilation von im 20. Jahrhundert eingewanderten Europäern in die USA und deren Überidentifikation befasst. Nebenbei erhält man eine Geschichtsstunde zur Nachkriegsgeschichte des Ersten Weltkrieges aus zwei Perspektiven: Der Othodox-Griechischen und der assimilierten von Migrantinnen in die USA.

Dabei wird die Geschichte von Caliope sensibel erzählt, ihre Kindheit und Pubertät bis hin zu ihrer Erwachsenenzeit, indem Eugenidis Cal selbst erzählen lässt.

Warum man es gelesen haben muss:

Die Themen Integration vs. Assimilation und sexuelle Orientierung sensibel, mitfühlend und empathisch erzählt bewegen einen zum Umdenken und stellenweise zum Schmunzeln. Caliopes Vater Milton und der Wille ein echter Amerikaner zu werden, ihr Bruder, liebevoll Pleitegeier genannt, und ihre Identitätsfindung machen einen oft auf das aufmerksam, auf das man selbst mit dem Finger zeigt.

Sehr lesenswert vor allem für Menschen, die auf Demonstrationen gehen, die vorgeben, für alle zu sein und doch alle, die anders sind, ausgrenzen.

Von verkannten Genies und der Verantwortung keines zu sein

Himmelarschungdzwirn – oder so. Genauso geht es mir oft, wenn ich meine überaus talentierten und ambitionierten Mitmenschen erlebe, strotzend vor Ego. Irgendwie scheint ihnen alles so zu gelingen, dass alles toll ist. Als ambitionierte Jungmusiker_innen Mitte 30, als ambitionierte Grafikgenies oder Modeblogger_innen. Überall sind diese Ambitionen.

Wir, deren Tantengeneration diejenigen waren, die vor 20 Jahren Müsli gegessen, Yogi- Tee getrunken und eine Glasarbeitsplatte in der Küche hatten. Eigentlich ist das nur ein kleiner Teil der Gesellschaft, die mich umgibt. Da ich ein Landkind bin, gab es das bei mir nicht so. Trotzdem habe ich jene Menschen um mich herum, denn ich habe momentan viel Kontakt zu Menschen meines Alters, die aber die Kinder der Kleinstadtintelligenzia sind. Diesen Menschen wurde in der Kindheit ein Samen eingeimpft, der heute wirre Blüten und etwas seltsame Auswüchse treibt. Was heute die 17- bis 22- Jährigen sind, die sauber mittelgescheitelt ihrer Existenz als Tussi und Hipster fröhnen, waren bei uns diese alternativen Prähipster (also diejenigen, die so aussahen, bevor es cool war und jetzt Tattoos von Andy Warhols Dosen oder Karostrümpfe tragen).

Der Keim des Erfolgs, der Indibvidualität und der Genialheit

Ich war nie eines der Kinder, die cool waren. Zum einen besuchte ich nicht eines unserer umgebenden Kleinstadtgymnasien, zum anderen hatte ich nie die Klamotten, die die coolen Kids meiner Klasse trugen. Meine erste Begegnung mit dieser Gattung Mensch hatte ich früh. Oft hatte ich als Teenager das Gefühl, dass diese Menschen in einer anderen Sphäre leben. Irgendwie schien ihnen alles zuzufliegen und sie hatten den Mut, sich darauf einzulassen.

Vielleicht wäre ich auch so geworden, hätten mich Tübingen, Heidelberg oder Freiburg angenommen. Vielleicht hätte ich eher einen Zugang dazu, wenn ich etwas anderes, als das Konformistenfach studiern hätte. Doch irgendwie, hinten links, bin auch ich so, nur auf meine Art und Weise.

Mein Zugang zu Hipstern

Um eines zu sagen: Ich mag das 90er Klamottenrevival nicht. Ich bin weder Freundin von Bauchfrei, noch von Tatooketten. Nicht, weil ich es mir nicht leisten könnte, sondern, weil ich es schon in den 1990ern als zweifelhaft empfand. Meine Haare sind zu pflegeintensiv für Mittelscheitel und mein Make-up hält eh nicht.

Doch trotzdem scheine ich einen Zugang zu haben – genauso wie zu depressiven Teenagerfreaks. Denn auch ich war einer von ihnen. Noch heute werde ich doof angesehen, wenn ich statt über Make- up, über Marvel philosophiere und statt Thor irgendwie eher Ant-Man scharf finde.Ich bin cool im Kleinen, so für mich, in meiner ganzen Freakigkeit. Weder meine modebloggenden Cousinen, noch meine Weltverbessererbekannten nehmen das wahr. Doch meine Saubande, meine Freunde und manchmal auch ich tun das. Egal ob mit oder ohne Carohemd und Mittelscheitel oder musikalischen Ambitionen. Zeichnen, nähen und Fotos machen kann ich übrigens auch nicht.

 

Mehrfamilienhaus

Mia ist mein anderes Nachbarskind, süß, lieb, putzig und sehr witzig. Im Sommer mampfen Mia und ihre Eltern gerne auf dem Balkon.

Mama: Mia, was ist los?

Mia: Ich will Wurst!

Mama: Aber Du hast doch welche auf dem Brot.

Mia: Ja, aber Wurst ohne Brot ist die bessere Wurst!

Wochenrückblick

|Gesehen| Hundi im Blumenbeet, Papierstapel, Postkisten, neue Menschen mit Saubandenpotenzial, Listen, ein Kind mit Zeug auf dem Kopf

|Gelesen|  Listen, Lebensläufe, kompetenzorientierte Lebensläufe

|Gehört| „Süße, Du bist wieder da?“, „Erdbeeren“, Venus in Furs von Beck, „Ja, ich fahre rückwärts auf eine Hauptstraße“, „Du siehst gut aus“

|Getan| Gearbeitet, telefoniert, gepflanzt, geredet, getroffen
|Gegessen| Auberginenpesto, Erdbeeren, Chia-Joghurt, Schnitzel, Humuspampe
|Getrunken| Wasser, Bier, Saft und Tee (Mango-Brennnessel)
|Gedacht| Supervidiere erstmal Dich selbst; Wenn Du so mit anderen Deiner Mitmenscgen sprichst, erschießt Dich Dein Kind vermutlich mal – und keiner wusste etwas von der Familientragödie; Oh, ein Blümchen
|Gefreut| Über seitenweise Arbeit, Telefonate mit Mamas und lustige Begegnungen im DM
|Gelacht| Schatz, Hundi, meine beste Freundin,
|Geärgert| Über pseudoherablassendes Getue von Menschen, die einfach mal vor der eigenen Tür kehren sollten, schlechte Gedächtnisse und Gefotze
|Gewünscht| Eine Massageauflage und einen Bierautomaten
|Gekauft| Trockenshampoo, Tortellini, gekörnte Brühe, Wattepads, Haaröl, Strumpfhosen, Mehrfachpackung Socken,
|Geklickt|http://www.hm.com,

comparison

Hurra Hurra – zündle doch nicht

Ich, Kind mit langen Haaren, ausgedappten Sneekers und viel politischem Irrsinn, bin erwachsen und viel zu rebelliös. Irgendwie.

Gestern hatte ich die Sinus- Studie auf dem Schreibtisch und ich dachte mir nur: Hubschraubereltern 1: Laminatrisches Weltbild -9… Denn in der Sinus brachten es Kolleg_en_innen auf den Punkt: Die Jungend rebelliert nicht – sie deprimiert.

Ich bekam in Folge dessen einen kleinen Backflash. Als ich 18 war hatte ich keine Kohle und von diesem nichts ging zu viel für Hoodies, dunklen Nagellack und seltsamen Lidschatten drauf, den ich zur Unterstreichung meiner Rebellion nutzte. Heute habe ich wenig – rein optisch- mit diesem Mädel gemein, außer, dass ich noch rauche. Im Herzen möchte ich angesichts mancher Teenagerexemplare schreien und sie schütteln. Ich weiß, dass ich mich wie eine der alten Frauen an den Fenstern mit Kissen anhöre. Allerdings gebe ich zu bedenken: Es bedarf immer einer progressiv- bekloppten Schicht an Menschen, die die Welt verändern. Lässt man den Spiessern und eingefahrenen Individuen die Bühne, dann entstehen im besten Fall nur Bahnhöfe mit zu niederen Bahnsteigen und Aussichtsplattformen nach Vorbild des Grand Canyons. In dummen Fällen sind es dann semiamüsante Ideologien, die sich selbt schon vor 60 Jahren überholt haben.

Deswegen mein Appell: Rebelliert doch bitte, zieht Euch scheiße an (ja, ok, das macht ihr bereits), sucht Euch Parolen und skandiert sie. Sucht Euch Parolen, die Meschlichkeit, Nächstenliebe und die Bewahrung der Schöpfung wiedergeben. Aber bitte seid nicht, wie die Pegida- Jünger, die Bewahrer eines unchristlichen Abendlandes und Xenophobe.

(Und Mädels, steckt Deutschlands nächsten Topmodellen ein Snickers in den Hals)

 

Mein Leben in Gifs

Marilyn

Meine „Ich habs Dir doch gesagt und Du hast nicht drauf gehört“- Reaktion

Glück, Pläne und was die Welt daraus macht

Ich habe hier einen interessanten Artikel gefunden, der einen Zusammenhang zwischen Depression und der Moderne herstellt. Nach dem Lesen dieses Artikels habe ich mir so meine eigenen Gedanken gemacht…

Neulich war ich unterwegs und traf einen ehemaligen Bekannten, der jetzt eine Führungsposition bei einer Firma hat, die irgendetwas macht, was ich nicht nachvollziehen kann. Ich kommentiere das jetzt aber nicht weiter, sonst würde es gemein werden. Ich erinnerte mich aber an eines der obligatorischen „was-machst-du-nach-dem-Abi“-Gespräche, bei dem ich ihm erklärte, dass ich ein FSJ machen wolle. Er schüttelte den Kopf und meinte, dass ich mich nicht mit Assis abgeben solle. Hier lagen also zwei höchst unterschiedliche Lebensentwürfe vor. Ich, die heute noch mit freier Wirtschaft und Kapitalismus fremdet und er, der mit dem sozialen Arbeitsfeld seine Probleme hat. Nach dem Gespräch neulich mit ihm, ging es mir so: Wir sind jung, schön und sollten erfolgreich sein. Was diesen Erfolg darstellt, kann ich nicht mal so genau sagen, denn das, was wir als Erfolg wahrnehmen, ist subjektiv.

Mir fiel dieser Artikel ein, der den Zusammenhang zwischen Lebensentwurf, Entscheidungsoptionen der Moderne und einem gewissen Funktionsdruck deutlich macht. Früher gab es je nach sozialer Schicht, Herkunft und Region, in der man aufwuchs, eine begrenzte Anzahl an Optionen. Dass man an diesen scheitern kann, beweist nicht zuletzt die historische Romanfigur Hans Giebenrath von Hermann Hesse. Früher war man in der schwäbischen Provinz etwas Besonderes, wenn man Pfarrer oder Priester wurde, ansonsten wählte man den Beruf des Vaters oder des Onkels. Für Frauen stellte sich diese Option nicht in diesem Maße. Entweder man wurde Erzieherin, Krankenschwester, Fräulein vom Amt, Nonne oder man heiratete. Selten konnten Frauen studieren. Heute ist es anders. Man hat schon nach dem Abitur viele Optionen, was man studiert, wie man sich spezialisiert und was aus einem wird. Je nach Geldbeuteldicke der Eltern und dem eigenen Dusel bzw. Willen kann man dann das tun, bei dem man glaubt, es sei das Richtige und wenn dann noch die Professor_en_innen mitspielen ist man ganz toll qualifiziert. Nun beginnt das Bewerben, bei dem man dann eine Stelle finden muss, die einem passt, die nach fünf Jahren wegen Aufstiegsmöglichkeiten gewechselt werden muss und das in einem möglichst flotten Turnus. Dann ist man ein gemachter Mensch. Formell.

Wie es wirklich ist…

Gut ausgebildet steht man da und muss sich Vergleiche gefallen lassen. Man muss genügen und gut genug sein. Das belastet. Nicht jede_r hat den Dusel, den ich hatte, dass ich beim ersten Vorstellungsgespräch überzeugt habe, denn irgendwann nagt das Suchen nach einem Beruf und der dementsprechenden Berufung am Ego und den Nerven. Irgendwann merkt man, dass die Ziele, die man sich gesteckt hat, nicht das sind, was man dann bekommt.

Glücklich nur dann, wenn andere es achten

Geld ist hier einer der Indikatoren, die scheinbar dafür gelten ob und wie glücklich wir sind. Dabei ist es unerheblich, ob man wirklich welches hat – man zeigt es gern. Ich war neulich in einem Schöner-Wohnen-Haus. Die Wände waren alle in einem unpersönlichen Cappuccino- Braun gestrichen und alle Geländer, Türzargen und Türen waren weiß. Überall waren Bilder (alle aus ein und derselben Bildertypologie) und überall standen Einrichtungsgegenstände, die völlig auf einander abgestimmt waren. Ich war noch nie an einem solch unpersönlichen Ort. Mir ging es in diesem Moment so, dass ich nicht nur irritiert war, sondern auch verwundert. Wenn sich der Drang en Vogue zu sein, sogar in der Einrichtung widerspiegelt, alles nur auf eine Außenwirkung angelegt ist, so auswirkt, dass sogar das Auto, das vor der Haustür steht, derartig im Stil des Interrieurs (auch cappucinofarben) ist.

Ja, ich gebe zu, mir ist sowas immer eher semiwichtig. Das letzte Mal, als ich mich mit Wandfarben auseinandergesetzt habe, war, als ich einen Kübel weiß kaufen musste. Mir sind solche Sachen immer etwas egal. Genauso, wie es mir egal ist, wie meine Hose sitzt, wenn ich einfach kurz zum Bäcker gehe.

Doch warum geben sich Menschen diesen Stress? Ist es der Drang, dazu gehören zu wollen? Oder zu müssen?

Gruppierungsstrategien

Ich finde es immer wieder witzig, was dann herauskommt, wenn man mit jenen Menschen spricht. Denn je nach Sozialisationsumfeld kommen spannende Dinge heraus. Ich nehme da gerne zwei Kolleginnen von mir. Beide sind Therapeutinnen. Die eine stammt aus einer sehr privilegierten Familie. Sie erklärt mir ständig, dass die Art und Weise, wie ich Konlfiktgespräche führe, unprofessionell sei. Ich versuche viel auf Beziehungsebenen und sie sagt mir ständig, ich verwende die falschen Verben. Ja, ich sage auch mal „war scheiße, gell?“ und das passt zu mir. Die andere gab mir mal ein anderes Feedback. Ihr merkt man die gleiche soziale Herkunft nicht an. Das Feedback war: „Ich würde das nicht so machen, aber man merkt, dass Du dabei authentisch bist. Du sagst es und suchtst nicht ständig nach Operatoren. Außerdem wissen die Leute bei Dir, dass „musch“ im Schwäbischen auch für können, sollen, müssen und sonstige andere Verben steht“.

Und je länger ich mich mit dem Dillemma meiner Generation auseinandersetze, desto mehr wird mir klar, dass wir alle einer bestimmten Prägung aufsitzen. Wir wollen den Lebensstandard unserer Elterngeneration haben, ihn halten oder sogar noch verbessern. Irgendwo dazwischen stehe auch ich. Nur ist es bei mir so, dass mir vieles nicht wichtig ist. Das musste ich aber auch lernen. In der Oberstufe war ich todunglücklich, dass ich nicht auf die coolen Partys im Stuttgarter Perkins Park kam, weil ich einfach keinen fahrbaren Untersatz hatte. Als es mal ging, saß ich todunglücklich im Park. Denn genau dort wurde Musik gespielt, die mir nicht gefiel und die Jungs, die sich mit mir unterhielten, wollten nur mit meiner Freundin fummeln. Quatscht man dann halt mal mit der pickeligen Alternativ- Freundin und dann geht das schon mit der anderen.

Aus dieser Zeit weiß ich, dass Anpassung nur in einem gewissen Rahmen funktionieren kann, der zwar individuell variabel ist, aber dieser Rahmen steht nunmal fest.

Heidi, Silvi und co sagen mir, wie ich glücklich werde

Doch dieser Rahmen wird beeinflusst durch das, was uns suggeriert wird, wie wir glücklich werden. Ich würde lügen, wenn ich da nicht anfällig wäre, wie es jede_r ist. Bei mir sind es oft kleinere Konsumprodukte, wie Bodylotions, aber auch Shampoos oder Ernährungsmittel, weil ich noch immer den Traum einer langen Lockenmähneeiner und einer schmaleren Hüfte hege. Ich weiß, dass es völlig bescheuert ist, denn weder meine Knochen, noch meine Haare kann ich beeinflussen. Aber ich wünschte, ich könnte es.

Ich schiebe es aber auch ein Stück weit auf dieses Phänomen, dass einem ständig suggeriert wird, dass man etwas haben oder darstellen müsse, was einen unglücklich macht. Es gehört jedoch zur Teilhabe unserer Gesellschaft, denn wäre dieses permanente Streben nach Glück und Anerkennung der Umwelt nicht vorhanden, hätten wir auch wenig soziale Kontakte. Die einzige Menschen, die sich dem entziehen können, sind da wahrscheinlich Yogis, die auf dem Berg wohnen, Eremitenmönche oder endogen kontaktgestörte Einzelsubjekte. Nur etwas weniger wäre auch nicht schlecht und vermutlich gesünder.

Das literarische Solo

Maria Lewyka – Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere

Lewyka

Erstausgabe: 2013
Epoche: Moderne/ Postmoderne

Inhalt:

Serge, Clara und Oolie- Anna sind Geschwister, was keiner vermuten würde. Serge und Clara sind schon lange aus dem Haus und haben in der kapitalistischen Welt, die die Eltern so sehr hassen, Karriere gemacht. Aufgewachsen sind sie in der Klischee- Community in England. Ihre Kindheit zwischen Batiktüchern, selbst angebautem Gemüse, einem zwischenzeitlich dort stationierten Orgon- Akkumulator (liebevoll Orgel Acker Motor genannt) und viel freier Liebe klingt für 68er- Romantiker wie die schöne, heile Welt.

Für die Kinder war es eher semigut, sodass sich beide schnell von den Eltern Doro und Marcus entfernten. Neue Sprengkraft verleiht der Geschichte die bevorstehende Hochzeit der Eltern, die sich nach jahrelangem unehelichem Zusammenleben doch dazu entschließen, endlich zu heiraten. Dies geschieht nicht zuletzt wegen der Jüngsten im Bunde, Oolie- Anna, die mit dem Downsyndrom geboren wurde.

Kritik:

Eigentlich ist meine Generation wieder vom Hippiecharme entfernt. Eigentlich, denn wer Eltern wie meine hat, kennt die Geschichten aus dem 70ern und kennt Menschen, die dieser Zeit hinterhertrauern. Irgendwie erinnert mich dieses Gespann an die Familie einer Freundin, die es genauso wenig hinbekommt, mit den Schrullen und Schrulligkeiten ihrer Familie klarzukommen.

Das Buch ist witzig, zynisch und ein Bisschen wehmütig. Es zeigt eine wunderbare Parallelwelt, die auch heute noch existiert – aber eher als eine Art organischer Veganercommunity in unpolitisch und ohne Orgon. Lewynka begeistert durch ihre Bissigkeit und die schöne Art zu erziehen.

Warum man es gelesen haben muss:

Jeder kennt sie, diese Familien, die in sich völlig zerbröselt sind, aber nach außen hin völlig happy sind. Das sind diese Menschen nicht. Lewynka wechselt ständig die Perspektive und man erlebt eine Art systemischer Familientherapie in Buchform – nur völlig ungewöhnlich erzählt.

 

Daten:
Lewynka, Maria: Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere
dtv
464 Seiten

ISBN-13: 978-3423280068