Hilfe, ich muss mein Ref abbrechen

 

Diese Entscheidung bedeutet für viele, ihren Lebenstraum abzuhaken. Denn Lehrer_in zu werden bedeutet auch, sich auf ein anderes Leben einzustellen, wie es die meisten führen. Man entscheidet sich in aller Regel sehr bewusst dazu, Kinder unterrichten zu wollen. Leider ist es oft so, dass man das, was man dann will, durch Gutachten und doch oftmals recht subjektiv geprägte Eindrücke von Mentor_en_innen, Schulleiter_n_innen und Seminarlehrbeauftragten aufgeben muss. Sich nach einem Lehramtsstudium etwas Neues zu suchen und aufzubauen, ist allerdings hart.

Wir sind nicht alle die Stings, J.K. Rowlings oder Thomas Gottschalks, die eine fulminante Karriere nach dem Niederlegen eines Berufs im Lehramt starten. Doch wer abbricht, sollte sich darüber im Klaren sein: Man ist nicht allein mit diesem Schritt. Wir sind in meiner Firma fünf – also gut ein Drittel der Belegschaft, die sich umorientiert hatten und im sozialen Bereich finden sich immer wieder ähnliche Biografien. Trotzdem ist das Hinschmeißen aber auch das Hinschmeißenmüssen ein harter, um nicht zu sagen, traumatisierender Schritt.

 

Was bewegt Menschen dazu, das Lehramt hinzuschmeißen

Es gibt eine Reihe von Faktoren. Oft sind es fachliche Defizite, die Anwärter_innen aufweisen und die dazu führen, dass sie aus dem System Schule ausscheiden wollen. Doch nicht nur. Oft ist es auch das System selbst, denn viele – gerade Geisteswissenschaftler_innen – haben Probleme dabei, sich hierarchischen Strukturen unterzuordnen. Ebenso ist es bei älteren Referendar_en_innen oft zu beobachten, dass diese Probleme mit ihren Mentor_en_innen haben, da unterschiedliche Auffassungen von Unterricht herrschen. Vor allem die Konstellation eines recht jungen Ausbilders und eine_r_s lebenserfahreneren Anwärter_s_in führen oft zu Konflikten im Ausbildungsverhältnis. In Kombination mit Rektor_en_innen, die sich bedingungslos vor, hinter und über Mentor_en_innen stellen, kann es sehr schnell sehr eng für Referendar_e_innen werden.

Zudem kommen oft Situationen, in denen drei erfahrene(re) Lehrkräfte (Ausbilder, Rektor und Seminarlehrkraft) gegen d_ie_en Referendar_in stehen, da diesem durch verschiedenste Konstellationen, die ein Dilemma bereits beinhalten, was die Lage de_s_r Anwärter_s_in noch erschweren. Hinzu kommen oft Gesprächsführungsstrategien, die einschüchternd und wenig wertschätzend sind. Nach vielen Gesprächen mit gescheiterten Anwärter_n_innen – und zugegeben auch durch meine Biografie – wurden vor allem extrem direktive Aussagen und ein geheucheltes Verhältnis auf Augenhöhe als ausschlaggebend für einen Abbruch genannt.

 

Ich (muss) kündige(n) – was nun?

Erst einmal: Scheiße gelaufen. Man muss sich binnen kürzester Zeit neu orientieren, das eigene Selbstwertgefühl irgendwie wieder aufbauen und schauen, dass man etwas findet, womit man sein Geld verdienen kann. Denn was die meisten Lehrbeauftragten, Ausbilder_innen und Rektor_en_innen irgendwie nicht zu verstehen scheinen: Man wird mit voller Wucht emotional auf die Erde gepfeffert, was einen einerseits therapiebedürftig, andererseits aber auch in Anbetracht von Zeitdruck dazu veranlasst, schnell weitreichende Entscheidungen treffen zu müssen. Drei Monate Kündigungsfrist ohne beendete Ausbildung in einer extrem schmalen Nische befeuern Selbstzweifel. Aussagen von Rektoren, die tröstend wirken sollen, verfehlen ihr Ziel oft und man ist geräderter als vorher. So hart es klingt, man muss beginnen, sich selbst an den Haaren aus der Scheiße zu ziehen.

Hilfreich sind daher oft Berufsberatungen beim Arbeitsamt. Auch Tests zur Bestimmung des eigenen Begabungsprofils können helfen, zumindest eine Richtung für sich zu finden. Kommen dann noch rechtliche Geschichten, wie Formfehler, fehlende Gutachten oder Härtefallregelungen hinzu, wird diese sowieso schon belastende Situation zur Qual.

Mein Studium ist also wertlos

Auch wenn es einem oft nicht klar ist, man hat etwas in der Hand. Leider wissen das zukünftige Arbeitgeber nicht. Deswegen sollte man sich vom Kultusministerium den eigenen Abschluss als gleichwertig mit anderen pädagogischen im Rahmen des Europäischen oder Deutschen Qualifikationsrahmens anerkennen lassen. Das Staatsexamen Lehramt für Grund- und Hauptschule in Baden- Württemberg ist beispielsweise mit einem Bachelor gleichwertig, ein Examen für das Lehramt Realschule ist sogar von den Creditpoints her noch etwas höherstehend.

Allgemein kann aber davon ausgegangen werden, dass ein Studium mit einer Regelsemesterzahl von sechs Semestern und 30 CPs mit einem Bachelor gleichzusetzen ist, wobei je nach Semesteranzahl auch die Anzahl der CP steigt.

Macht euch außerdem nicht kleiner als ihr seid. Allein durch Nebenjobs erwirbt man auch Qualifikationen, die einen attraktiv machen. Wer beispielsweise Ferienfreizeiten geteamt hat, hat eine wichtige Ressource im Umgang mit Kindern oder Jugendlichen. Auch ein FSJ/FÖJ sind oft hilfreich, um eigene Qualifikationen zu untermauern. Dasselbe gilt auch für Ehrenämter.

Mit dem Staatsexamen hat man zudem die Möglichkeit, einen Master auf das Studium zu setzen. Hier einfach an den jeweiligen Unis nachfragen.

Ebenso sind abgebrochene Lehrer durchaus für Unternehmen attraktiv. Denn man hat Ressourcen, die einem nicht mal mehr die biestigsten Lehrbeauftragten, Rektor_en_innen oder Mentor_en_innen nehmen können: Ihr habt einen fachlichen Abschluss in Euren Fächern und in Pädagogik/ Psychologie. Das macht einen vor allem für die Wirtschaft attraktiv. Hier sollte man sich insofern gut verkaufen, dass das schnelle, zielgerichtete Erarbeiten und Präsentieren von Inhalten wichtig ist – auch für Unternehmen.

Wenn einen das Unterrichten nicht los lässt, dann hat man auch die Möglichkeit, an eine Privatschule auf Angestelltenbasis zu gehen oder in anderen pädagogischen Feldern, beispielsweise bei freien Bildungsträgern Fuß zu fassen. Ich habe beispielsweise Politikwissenschaft studiert und arbeite nun unter anderem in der politischen Jugendbildung. Eine Bekannte von mir ist bei einem Autobauer in der Verwaltung und sie meint, dass ihr das Germanistikstudium wichtige Kompetenzen vermittelt hat, was die Korrespondenz mit Chefetagen erleichtert.

 

Gebt Euch nicht auf

Nachdem einem der gesamte Selbstwert geschreddert wurde, ist es hart, sich auf Neuland zu wagen, aber die Erfahrung nimmt Euch niemand. Ihr kennt die Situation, vor Tribunalen aus Rektoren und Lehrern zu stehen. Nutzt es für Euch.

Ihr könnt viel, ihr könnt Inhalte erarbeiten, Positionen vertreten und Dinge darstellen. Ihr könnt Gespräche führen, beraten und niederschwellige Angebote schaffen. Seid offen, geht offen mit dem Abbruch um, denn auch Scheitern ist wichtig im Leben. Und niemand nimmt Euch Eure Erfahrungen. Seid mutig, kämpft und lasst Euch nicht unterkriegen, denn auch die mieseste Lehreranwärterin des Landes Baden- Württemberg – im Ranking noch vor Gudrun Ensslin – hat nun die Perspektive, die sie glücklich sein lässt.

Sucht Euch weitere Betroffene, denn es gibt immer jemanden, der auch schon hingeschmissen hat. Fragt diese Menschen, holt Euch Ratschläge und zieht Euer Ding durch.

Da es einige in meinem Umfeld erwischt hat, kann ich von anderen Nischen berichten, wo sie untergekommen sind: Sei es die klassische Sozialpädagogik, Verwaltungslaufbahnen oder auch die freie Wirtschaft. Vom Chefcontroller, über die Personalchefin einer großen Firma bis hin zu Ausbildungsberater_n_innen oder Referent_innen bei karitativen Einrichtungen. Auch der Weg in die Psychotherapie ist möglich mit einem Lehramtsexamen. Ihr habt Optionen – nutzt sie.

Und selbst Marilyn sagte einst:

„Alles passiert aus einem Grund. Menschen ändern sich, damit du lernst loszulassen. Dinge gehen schief, damit du zu schätzen weißt, wenn es gut läuft. Du glaubst einer Lüge, damit du lernst, nur dir selbst zu vertrauen und manchmal bricht etwas Gutes auseinander, damit etwas Schöneres zusammenkommen kann.“ (Marilyn Monroe)

eb5113cb92ace2691a372dfcc3cbe27f

Advertisements

10 Dinge, die man als abgebrochener Referendar…

… nicht beantworten mag – ich machs mal trotzdem… und zwar aus meiner Sicht…

  • Du bist ja gar nicht mehr Lehrer.

Richtig erkannt. Ich bin nicht im Schuldienst, sondern mache etwas ganz anderes. Allerdings legt man diesen Lehrerhabitus nur schwer ab. Manchmal korrigiere ich Texte auf Grammatik und Rechtschreibung. Dabei werde ich fast wahnsinnig. Außerdem finde ich es nach wie vor spannend, mich in meinen beiden anderen Fächern weiterzubilden und ich raste regelmäßig vor mich hin, wenn jemand nicht fundiert argumentiert.

Außerdem habe ich oft Konfliktlösungsstrategien, wie im Lehrerberuf. Ich lasse jeden ausreden, hör mir alles an und entscheide dann selbst. Was allerdings anders ist, wenn jemand scheiße berät, sage ich es demjenigen.

  • Willst Du nicht nicht zurück?

Wie soll man etwas wollen, was man nicht kann? Manchmal ja. Manchmal würde ich gerne vorn stehen und unterrichten – dann unterhalte ich mich mit anderen Menschen, die im Lehramt sind und dann will ich es nicht. Ich habe Handlungsspielräume, die Lehrer nicht haben und ich habe das beste der Welt: Ein Büro, das eine Tür hat, die man zuziehen kann und kurze Wege.

  • Du könntest ja im Kindergarten arbeiten.

Ich könnte auch Schlagertexte ins Tschechische übersetzen. Aber ich will meine vorausgegangene Ausbildung nicht ganz wegwerfen. Wäre ich im Kindergarten, wäre es auch nicht meine Altersgruppe. Außerdem möchte ich finanziell auch das haben, dass ich nicht schlechter verdiene, als andere in meinem Alter. Ebenso möchte ich nicht auf Menschen angewiesen sein, die schlechter ausgebildet sind.

  • Als Lehrer würdest Du jetzt mehr verdienen.

Ja, und nein. Ich verdiene gut und kann davon leben. Ich hab zwar keine beamtische Vorzugsbehandlung im Krankenzimmer, aber es ist ok. Mir werden auch meine Medis nicht übernommen, doch das ist wohl der saure Apfel. Sich über die Besoldungsgruppe zu definieren ist lächerlich.

  • Als Lehrer hättest Du jetzt frei.

Ja, während 300 Klassenarbeiten, eine Menge Arbeit, wie Elterngespräche, Unterrichtsvorbereitung und anderer Kram warten. Vorbereitungszeiten werden nie gesehen, da sie meist daheim stattfinden.

  • Darf ich Ihnen Feedback anhand unseres Feedbackbogens vom Seminar geben?

Öhm. Nö! Ich muss mich nicht mehr bewerten lassen, wie ich was sage. Ich genieße das unfassbar.

  • Und, was machen Sie jetzt?

Lieber Seminarchef. Ich – kaum zu glauben, aber wahr – arbeite. Am Ende eines jeden Monats erhalte ich so einen Zettel, auf dem Zahlen stehen. Ich bekomme Supervision und habe Freiheiten zu entscheiden, was ich will. Sie haben mir gezeigt, wenn man für jemanden entscheidet, ist es meist scheiße. Danke, dass Sie mir die Wichtigkeit eines partizipativen Stils gezeigt haben. Im Übrigen bin ich jetzt echte Pädagogin.

  • Hast Du Dich nicht genug angestrengt?

Genau, das war’s. So einfach. Nee, ich habe geackert, aber es wurde entschieden, dass ich nicht geeignet bin. Beim Scheitern hab ich mich noch mehr angestrengt, Danke für die Migräne und die außerordentliche Handlungskompetenz – nicht.

  • Wäre nicht die Schulart XY etwas für Dich?

Nö, ich mag Wissen vermitteln, aber das Drumrum find ich doof. Das sind nicht mal die Schüler, sondern mehr die Zwänge.

  • Mach doch etwas anderes mit Kindern, wie Beruf X

Danke, ich bin bedient.

Ein Abgesang oder so

Letzte Woche war ich mal wieder im Palast des Wahnsinns. Und ja, ich war schockiert. Nicht, weil mein Bild nicht mehr in der Ahnengalerie hängt, sondern auch, weil sie Legenden um meinereiner ranken. Man holt sich einen Kaffee und denkt sich nichts dabei. Als einer der Jungs dann erfuhr, dass ich mal Vorstand im besten Café aller Zeiten war – aber nicht der beste Vorstand – musste ich grinsen, als man mir sagte, dass es bei uns doch so gut war. Nee, wars nicht.

Mit illusionistischen Studierenden aber in einem Raum zu sitzen, strapaziert meine Nerven.Als dann noch zwei Dozierende reinkamen und einer treffsicher feststellte, ich sei ja schon gehässig, weil ich seine sexistischen Sprüche mit Aussagen konterte, dass sein Fach ja das Sammelbecken von Nichtfickern sei, bejahte das Chefchen. Mein ehemaliger Chef – das menschliche Goldstück und Aufmunterer meines Studiums – lud mich ein, doch in sein Seminar zu kommen.Und da war es wieder: Das Gefühl, keine Kinder mehr zu wollen und mich stattdessen lieber der Aufzucht von Kampfkarpfen zu widmen. Studiert man an einer pädagogischen Uni (die nur Pädagogen ausbildet), ist man mit allerlei Spaß konfrontiert. Den meisten habe ich tatsächlich in Literaturseminaren gehabt. Ich kam mir oft vor wie der weiße Elefant, weil ich die Texte gelesen hatte.

Einer dieser Fälle war bei einer von mir hochverehrten Professorin im Seminar. Es ging um europäische Amerikabilder. Und wir machten eine fancy shmanzy Blitzlichtrunde. Es ging um unsere erste Assoziation zu Amerika. Meine Antwort war „Global Bully“ ihre „Pursuit of Happyness“. Sie wollte Las Vegas, Freiheitsstatue und Stars hören.

Ok, man kann manches nicht erwarten, vor allem nicht von Menschen, die das Studium in sechs Semestern runterkloppen wollen und dabei irgendwie intellektuell überfordert und didaktisch gefordert sind. Bei Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften an der Oberfläche zu kratzen ist ungefähr so, wie die Ermittlungen in Kriminalfällen zu ignorieren oder bei OPs die Voruntersuchung einfach wegzulassen. Aber sei’s drum. Die Streberin bekäme ja sonst ihren Moralischen.

Was ich an dieser Sache wirklich fatal finde, ist, dass mir Schülerinnen und Schüler oft berichten, dass sie den Sinn hinter Politik und Geschichte nicht verstehen. Sie interessieren sich nicht für etwas, das sie nicht verstehen – mir geht es bei Physik, Germanys Next Topmodel und 7/8 Hosen ähnlich. Aber das führte ebenfalls zu weit.

Mangelnde Bildung auf ein Schulsystem zu schieben, ist so, wie die Bundesregierung für Entscheidungen einzelner Abgeordneter verantwortlich zu machen. Globale Zusammenhänge gehören wieder gedacht, statt der achtundneunzigsten Variation des Gruppenpuzzles oder einer Abhandlung zur Armhaltung im Deutschunterricht. Denn sonst ergeht es zukünftigen Generationen so, wie einem als Betrachter dieses Videos, wenn man beim Pornosschauen zufällig auf eine Bundestagsdebatte umschaltet.

Thermomixmenschen

Wie einige von Euch wissen, bin ich großer Fan der Pepe Nietnagel- Reihe. An jedem Feiertag laufen die Filme in den dritten Programmen und ich liebe es, mir den Spaß anzutun. Denn er enthebt mich aus der Rolle der kritischen Pädagogin. Eigentlich.

Da ich mich neulich (mal wieder) über das herablassende Verhalten ehemaliger Kolleginnen geärgert hatte, die sich mehr mit ihren Küchengeräten auseinandersetzen, als mit dem Wohl ihrer Mitmenschen, fühlte ich mich an diese Generation der Pädagogen zurückerinnert. Die Gattung des Homo paedagogicus gymnasiale erweicht regelmäßig meinen Keks und mein Herz macht da oft genug Siesta – oder so.

Mich amüsiert vor allem die Tatsache, dass Frauen in meinem Alter aus gutbürgerlichen Elternhäusern mir gerne etwas zum Thema Lebenswirklichkeit von heutigen Jugendlichen erzählen. Die typische Lehramtsstudentin/-Anwärterin/ Junglehrerin stammt aus einer Mittelschichtsfamilie, ist in der Regel die erste, die studiert hat und  deren Eltern ganz fürchterlich stolz darauf sind, dass das Mädel ein Studium hat. So begütert und auch aus einer sehr speziellen Weltanschauung heraus geprägt,  gehen sie erfolgreich auf Kinder los. Neben dem Job gehen sie gerne feiern (früher im Club in der nächsten Stadt, trinken gern Aperol) und finden örtliche Fußballvereine – weil der Schatzi da ja spielt – gut. Nebenbei haben sie recht mittelflott studiert, machte aber nix, weil die stolzen Eltern das ja bezahlt haben. Aber sie sind ja so tight an den Kindern von Harz IV- Empfängern dran…

Natürlich gibt es andere Problemlagen, wie die Lieferzeiten des Thermomix oder die Frage, ob man sich eine Wohnung mit Mitte 20 gleich kaufen soll oder nicht. Man hat ja schließlich ein Beamtengehalt und jede Menge Muse, da man sich nicht mit so unwichtigen Dingen wie Tagespolitik oder die Gefühle anderer Menschen. Nur so lange die eigene Klasse mitläuft, ist es super. Dabei spreche ich nicht generell über Lehrerinnen, denn ich kenne viele weise, selbstdenkende, tolle Frauen, die Kindern viel mitgeben können. Courage, Mut, eigenständiges Denken, Argumentationskraft und viel Achtung und Wertschätzung. Mich nerven allerdings nur diejenigen, die kaum haben sie die Verbeamtung, was in BW nach drei Jahren der Fall ist, schwanger werden. Mich nerven die Mädels, die mit Michael-Kors-Handtasche, mit einer Uhr im Gegenwert eines Kleinwagens am Handgelenk und Papas Drittwagen auf dem Schulparkplatz, die so einer Sozialtante wie mir irgendetwas zu Beratung, jugendlichen Lebenswelten und Pädagogik erzählen wollen.

Sie haben sich weder auf dem Schulhof geschlagen (und zwar von Jungs und Mädels), noch hattet ihr Angst davor, dass sie sich ihr Studium nicht leisten könntet oder dass Nebenjob und Studium nicht vereinbar sind und man sich zwischen Geld oder Bildung entscheiden muss. Ok, manche haben vielleicht ein gesteigertes Verständnis für Anorexen und Bulimikerinnen. Vielleicht ist das ja das, was diese Frauen auszeichnet. Maybe.

Was haben aber diese Damen mit den Paukern aus den Nietnagelfilmen gemeinsam? Sie sind ebenfalls manchmal etwas ratlos bei pädagogischen Grundlagenproblemen und vorn mit dabei, Schüler sehr interessant zu strafen. Ich habe ja meine Vorliebe für diese ganzen Super- Schulkonzepte, die nicht nur Hungersnöte, Vergewaltigungen und Amokläufe präventieren, sondern auch alles Böse aus der Welt schaffen. Genau hier findet sich die Abnehmerinnen für jene Bücher, denn wie geil ist denn bitte das, dass einem Handlungsanleitungen [gegeben werden], die einen ‚effektiven‘ und ‚störungsfreien‘ Unterricht ‚mit möglichst wenig Kraftaufwandmöglich machen sollen“ (Herz & Heuer, 2014, S. 246). Dass dabei aber Porzellan zerschlagen wird, Kinderseelen gequält werden und Wertschätzung nur dazu dienen soll, sich des anderen, kritischen Charakters zu bemächtigen, finde ich kritisch. Interessant ist dabei, dass genau jene Lehrerinnen sich gerne auf diese Art und Weise mit anderen unterhalten. Neulich hatte ich eine ähnlich groteske Situation erlebt. Ich war in der Nähe einer pädagogischen Institution eine rauchen. Ich stand nichtsahnend vor dem Kasten und starrte in mein Handy. Da kam eine Vertreterin:

„Siehst Du das Schild nicht, du darfst hier nicht rauchen.“
„Jo“
„Mach die Zigarette aus“
„Nope“
„Mach sie sofort aus, sonst“
„Sonst was, sagst Du es dann dem Direx? Schau mal da drüben ist die Polizei. Vielleicht interessieren die sich ja dafür.“
„Der Raucherbereich ist auf der anderen Seite des Gebäudes.“
„Ja“.
Währenddessen war die Kippe schon zu ¾ runtergebrannt…
„Stört es Dich etwa, dass ich rauche.“
„Ja!“
„Wie wäre es einfach, wenn Du das sagen würdest. Weißt Du freundlich uns so, kennst Du doch noch“.

Der Thermomixmensch ist nicht zu verwechseln mit dem Torpedomenschen und tritt oft kombiniert mit Clean-Babetum auf.

 

 

 

 

Eisberg, Du *Schimpfwort einsetzen*

Ich liebe es wie eh und je mit überambitionierten Pädagog_en_innen über Dinge zu diskutieren. Mein neuestes Highlight sind diejenigen, die Person und Verhalten trennen und dann meinen, dass sie Verhalten disziplinieren können.

Die Verhaltensavocado

Mit dem Verhalten und der Person ist es wie bei einer Avocado. Das Verhalten ist wie die Schale. Man kann zwar auf dem Verhalten herumdrücken, um die Haltung zu ertasten. Man spürt, ob es matschig, fest oder sonstwas ist, aber man weiß doch nicht, wie die Haltung aussieht. Über Verhalten kann man sprechen, es kritisieren und versuchen, es zu ändern. Doch es muss etwas mit der Haltung geschehen, dass dies möglich ist.

Man kann sich hier auch auf Freuds Eisbergmodell berufen, denn dieses besagt, dass sich das Sichtbare einer Persönlichkeit sich nur rund 1/8 der gesamten Psyche erschließt. Denn rund 7/8 sind etwas zu tiefst Vorbewusstes oder Unbewusstes. Wer also nur Verhalten kritisiert, kritisiert die Schale oder das eine Achtel. Er kratzt an der Oberfläche, ohne Reflexionsprozesse anzuregen, bzw. wenn er etwas anreget, dann nur eine Masse an Impulsen auf die Haltung bzw. die anderen sieben Achtel.

Eisbergmodell Ruch

Wenn diese Sache von Erfolg gekrönt sein soll, dann bedarf es eines stabilen Gegenübers, das sich außerhalb jeglicher Abhängigkeit vom Kritisierenden bewegt. Also ist das eine denkbar unglückliche Form der Kritik in Hierarchieverhältnissen. Denn der andere, um bei der Avocado zu bleiben, wird angeritzt und liegt dann völlig brach und wurde verletzt. Dass nun Haltung bzw. Vorbewusstes herausquillen kann und der Kritisierte damit völlig schutzlos ist, führt zu einer Umstrukturierung der Hülle. Dies hat wiederum zur Folge, dass der andere verletzt zurückbleibt.

Von der Deformation durch Macht

Durch diese Machthierarchie sind die Verletzungen von ihrem eigenen Heilungsprozess abgekapselt und es entstehen Deformationen. Man muss sich dies vorstellen, wie wenn man an einer Knieverletzung ständig den Schorf abkratzte und sich dann über Eiter und andere lustige infektiöse Nebenerscheinungen wundert.

Und wie am Knie Narben bleiben, bleiben sie auch auf der Seele des anderen. Als Erwachsener kann man sich evtl. noch davor schützen, wenn dies nicht im eigenen Hierarchieverhältnis erlebt. Anders ist es bei Kindern. Greifen Pädagogen auf solche Mittel und koppeln dies mit Bestrafungen, entstehen Deformationen, die sich nicht zuletzt durch massive psychische Belastungen äußern. Interessant ist dabei, wenn dies aus einer Haltung heraus geschieht, die mehr als zweifelhaft ist, und wenn Sippenstrafen angewandt werden.

Mittlerweile scheinen solche Programme probates Mittel zur Machtausübung gegenüber Kindern zu sein. So wird munter kollektiv für das Fehverhalten eines einzelnen in der Gegend herumgestraft, nur um der Gruppe als solche die Konsequenzen aufzuzeigen und sich struktureller Machtmittel innerhalb einer Gruppendynamik zu bemächtigen.

Fehler gehören bestraft

Wer Fehler macht, sollte die Chance haben, sie einzusehen. Das besagt zumindest das humanistische Menschenbild. Wer Fehler macht, sollte auch die Konsequenzen seines Handelns tragen. Allerdings sollte man dringend von Kollektivstrafen abraten. Ich war einmal fast Opfer einer solchen. Im Herbst 2003 schüttete ein ehemaliger Mitschüler (damals Klasse 9) ein halbes Pfund Zucker vom Elternabend in einem Filmprojektor. Da es unser Klassenzimmer war (Klasse 10), waren wir es. Wir hatten wochenlang Stress mit unserer Rektorin, bis die ehemalige Klassensprecherin es aus einer Mitschülerin herausbekam. Ich hätte beinahe keine Klassenfahrt nach Berlin gehabt (im Zuge dessen keine seltsam gefärbten Haare und keine Stylingberatung mit bordeauxfarbenem Lidstrich). Und ich hätte den Typen beinahe gelyncht.

Noch schlimmer ist es, wenn es tatsächlich Sippenhaft in der eigenen Klasse gibt. Denn dann ist derjenige – und wenn es nur Schwätzen war – in einer Dilemmasituation und ist freigegeben zum Mobbingabschuss. Sehr pädagogisch, wirklich.

In dem Sinne: Wer bist Du, Lehrer? Pädagoge? Didakt? Diktator? Löwenbändiger? Opfer des Unterbewussten? regelkonform?

Zum Tag des Holocaustgedenkens.

Das gilt dem Tag, an dem dieser Blogeintrag verfasst wurde.

Warum ich Nazis hasse? Ich schäme mich jedes Mal dafür, Deutsche zu sein, wenn ich unsere Geschichte in einer Präsenz in Erinnerung gerufen bekomme. Gleichzeitig brennz mir das Herz, wenn ich daran denke, dass Teile meiner Familie diese Zeit nicht überlebt hatten. Weil sie falsch glaubten, dazu standen und ihre Klappe nicht halten konnten.

Heute, Jahrzehnte später zeichnet es mich auch heute noch. Vor allem, wenn ich Gewaltausübung im Sinne einer kollektiven Neurose erlebe. Nein, dieses Gedankengut steckt noch in unseren Mitmenschen. Denn wo heute noch Kinder ermotional erniedrigt werden auf Basis struktureller Gewalt, dort ziehen wir uns diejenigen heran, die auch wieder an Rampen stehen.

und wenn das Glöcklein klingt…

Kritisch zu sein ist gut, brachte mir einst einer meiner Lehrer bei. Damals weit über 60, Politologe und Germanist, ein Mensch, der mich Quellen lesen ließ und auf den damals neu erlassenen Bildungsplan 2004 ordentlich pfiff. Zwölf Jahre ist dieser Plan nun alt und in Baden- Württemberg änderte sich nicht nur das Schulsystem, sondern auch die Charaktere, die es produzierte.

Kompetenzen, ihre Stufen und der Kram drumherum

Ich habe diesen Plan nur zwei Jahre als Schülerin erlebt. Die Rückreform des Abiturs war glücklicherweise schon zwei Schuljahre vor mir in Kraft gesetzt, denn sonst hätte ich es wahrscheinlich nicht bestanden. Das, was ich damals als notwendiges Übel empfand war im Studium und im Referendariat mein Handwerkszeug. In diesen Jahren entwickelte sich das bildungspolitische Schlagwort der Kompetenzorientierung – entlehnt aus der Wirtschaft – für viele Kinder und Jugendliche zum Damoklesschwert.

Statt Inhalte zu lehren, sollten nun Methoden und Strategiern den Schüler_n_innen beigebracht werden, die sie dazu befähigen, als Arbeitnehmer_innen zu funktionieren ähm zu agieren. Ich nehme nun Bezug auf Reusser und dessen Zitate:

Kompetenzorientiert unterrichten heisst, nicht nur an den Stoff zu denken, sondern […] dezidiert danach zu fragen: «Was will ich eigentlich machen? Warum mache ich das? Was soll bei den Schülerinnen und Schülern hängen bleiben?»;also nicht einfach: «Jetzt nehmen wir die Römer durch», sondern:«Was sollen die Schülerinnen und Schüler – fachlich und überfachlich – lernen, wenn wir uns mit den Römern beschäftigen?»

Dieser Ansatz ist gut und wichtig, leider wurde er oftmals nicht verstanden. Dem allem sollte der Gedanke zugrunde liegen: „Was brauchen junge Menschen, um mündig zu werden?“, „Wie können Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zu Bürger_n_innen heranwachsen, die in der Lage sind, ihren Alltag, dessen Anforderungen und besondere Situationen dessen zu bewältigen? Doch Inhalte sind hier ebenso wichtig, wie Strategien und Methoden. Was also nutzt es eine_r_m Schüler_in, wenn er oder sie nicht dazu in der Lage ist, sich fundiert eine Meinung zu bilden, aber dafür perfekt ein Gruppenpuzzle zu vier Texten zum Thema: „Die Perrücken Ludwigs XIV“ in jedlichen stochastischen Kombinationen durchführen zu können, wenn es am Ende der Besprechung nicht einmal die Möglichkeit der Diskussion gibt, weil alle Schüler_innen das identische auf den Aufgabenblättern stehen haben.

Wer in der Jugendbildungsarbeit unterwegs ist, weiß, dass viele Jugendliche mit grandiosen Abituren einerseits völlig problembelastet sind, andererseits aber auch Dinge, die man unter einem Weltwissen subsummieren würde, nicht wissen, kennen oder nachvollziehen können. Emotionale Bildung, Empathie und Werte, wie Achtung vor einem anderen können scheinbar so nicht umgesetzt werden. Natürlich ist das eine Baustelle der Eltern, aber nicht nur.

Standardisierung, Effektivisierung und Normierung

Denn längst sind Eltern auf den Zug der idealen Ausbildung des Kindes aufgesprungen. Zwischen dem Zwang, zu leisten, sich zu zertifiziern und Kompetenzen zu zeigen, verkümmert das, was man Mündigkeit nennt. Zur eigenen Entwicklung brauchen Menschen Erprobungs-, Lern- und Entwicklungsfelder. Doch diese wurden leider wegstandardisiert. Wer einst eines dieser schwierigen, kritischen und rebellischen Kinder war, würde heute wahrscheinlich seine Existenz in einem Auszeitzimmer verbringen, statt im Klassenraum. Denn statt Diskussionen, die den Zeitdruck in der Schule noch erhöhen würde, läutet man lieber ein Glöckchen und d_er_ie Schüler_in muss sich nun an eine Ruheregel halten. Das alles, um die Gesellschaft vor subversiven Individuen zu schützen.

Zucht, Ordnung und Pünktlichkeit – aber ja nicht drüber nachdenken

Momentan sind eine Menge von Programmen an Schulen impliziert, die den Kindern und Jugendlichen gesellschaftsrelevante Werte beibringen sollen. Das sind unter anderem: Pünktlichkeit, Ordnung und alles andere, was Lehrer_innen, Schulleitungen und sonstige bildungspolitisch wichtige Menschen denken. Doch leider werden eben Punkte wie Mündigkeit, Empathie und Respekt vergessen. Da hilft es auch nicht, Zehntklässler Bilder von KZ- Opfern zu zeigen, auf dass sie ihre empathische Kompetenz schulen.

 

Diesen Artikel widme ich zwei Junglehrern, die gerade verzweifeln. Die eine, weil Hirnhupen Stellen bekommen, die sie überfordern und der andere kämpft mit dem Bildungsplan. Stay strong 🙂

Kinderbuchtipp

Neulich war mein Knirps bei mir und hatte ein Kinderbuch dabei. Es hieß: „Welches Pferd heißt Gerd?“. Die Illustratorin Kathrin Wessel und die Kinderbuchautorin Anne- Kristin zur Brügge haben dieses wundervolle Kinderbuch geschrieben und gestaltet. Es geht um Tiere, die nicht das tun, was typisch ist und die muss man suchen. So muss man sich fragen, welches Pferd Gerd, welche Qualle Chantalle und welcher Flamingo Ingo heißt.

Als Käselotti bloggt die Illustratorin, die auch das wundersüße Pappbilderbuch (schweres Wort bei kalten Händen) „Hallo Tiere“ gemacht hat. Das Buch ist definitiv ein saucooles Geschenk für große und kleine Kinder und ein wahrer Schatz für Bilderbuchkinos und Bilderbuchsammlungen in Kita und Krippe.

Außerdem designt sie super Stoffe – sie hat sogar einen mit Regenbogeneinhörnern – Hallo? Regenbogeneinhörner, das ist das fancyste, was ich kenne. ♥

Kaeselotti_welches_pferd_heisst_gerd_#2

 

The Aryan Motherhood… Mein Kind, das goldene Kalb

Nicht unlängst beschwerten sich Menschen über die heutige Jugend. Keine Angst, sie ist nicht so schlimm, wie man glaubt. Es gibt sogar Exemplare, denen ich freiwillig Geld anvertrauen würde und bei denen ich mir sicher bin, sie würden es zumindest vergraben. Immerhin schon etwas.

Man beschwert sich des Öfteren darüber, sie seien nicht zuverlässig, leistungsbereit und nicht in der Lage, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Das mag stimmen, aber woran liegt es? Eltern kreischen, es sind die Lehrer. Nur frage ich mich, wenn ein Mensch nicht lernt, in Zusammenhängen zu denken, für sich einzustehen und Positionen zu vertreten, warum soll er es in der Schule lernen, wenn er ein ganz eigenes, geschütztes Erprobungsfeld hat, die Familie.

Doch anstatt dem Wunschkind Grenzen zu zeigen, Relevantes von Irrelevantem zu trennen und das Kind für sich selbst einstehen zu lassen, wird jener Kelch an die Schulen, Nachhilfelehrer und Ausbilder weitergegeben. Ganz so, als wäre es wichtiger, das eigene Kind zu einem Rennpferd zu erziehen. Zunächst einmal, ich kenne tolle Mütter. Die Mama eines meiner Saubandenangehörigen, mit der ich ab und an telefoniere, tritt ihn nicht, nervt mich nicht, sie fragt Dinge nach und wir reden miteinander – so geht es mir auch mit den meisten Mamas meiner Nachhilfekids.Allerdings gibt es auch die andere Kategorie. Diejenigen, die ihre Kinder mit 20 mit Burnout aus der Klinik holen müssen und denen man wünscht, dass sie einsam und verbittert in einem Pflegeheim sterben, wo ihnen das Essen im Blechnapf serviert wird.

Da ich alte Eltern habe, muss ich mich um sie kümmern. Meine Mutter hatte vor einigen Monaten einen lebensbedrohlichen Unfall, lag auf der Intensivstation und es war nicht klar, ob sie wieder diejenige sein wird, die sie war. Ich fand sie, verletzt, hilflos und ich hatte panische Angst um sie. Just 20 Minuten, nachdem der Sanka da war, wurde ich am Telefon von einem Vater angeschrien. Als ich versuchte, ihm zu erklären, dass meine Mutter gerade soetwas wie sterben könnte, kam die Frage, ob dann die Nachhilfestunde stattfinden könne. Neulich warf mir eine Mutter vor, ich könne nicht beurteilen, wie sie ihr Kind erzieht, warf mir aber vor, dass ich meinen Vater im Krankenhaus besuchte. Daher nun meine Ansprache.

Sie, diejenigen, die glauben, ihre Kinder sind etwas Besonderes. Sie lieben und sie achten, passen Sie gut auf sie auf. Seien Sie da, nehmen Sie die Rolle als Eltern wahr. Das heißt nicht, ihnen das Geld mit dem Kärcher in den Arsch zu pusten, sodass ihr Kind sich nur noch über die Auswahl der neuesten Konsumartikel definiert – oder noch schlimmer: Über Schulnoten. Ihr Kind ist mehr als die 3 im Zeugnis oder gar die 3-4. Aber wenn Sie das brauchen, dass Sie die Beziehung zu Ihrem Kind nachhaltig gefährden, dann hoffe ich, dass Sie zu dement im Pflegeheim sind, um diesen Schmerz zu verstehen. Sie werfen mir vor, ich hätte keine Kinder und könne deswegen nicht beurteilen, dass Ihre Beziehung für den Arsch ist? Richtig. Das geht nur mit Kind. Manchmal glaube ich bei einigen Müttern, dass sich während der Entbindung das Gehirn so weit komprimiert hat, dass das Vakuum nun auf den Rest Hirn drückt, der mal vorhanden war. 15 Jahre Jugendbildungsarbeit, 25 Nachhilfekinder, zwölf Klassen und über 70 junge Erwachsene sagen zwar etwas anderes, aber ok, ich bin pädagogisch den ganzen Arzthelferinnen, Bürokauffrauen und Köchinnen unterlegen, weil ich selbst nicht geboren habe. Ja, das ist so logisch. Ich meine, mein Frauenarzt hat auch keine primären weiblichen Geschlechtsorgane. Was erdreistet er sich, mich zu untersuchen und Diagnosen zu stellen?

Ich frage mich bei solchen Momenten immer nur, wie zur Hölle Menschen, die aus einem ganz anderen beruflichen Bereich stammen, Dinge beurteilen wollen, die sie selbst nicht in der Lage sind, zu beherzigen. Menschen, die glauben, ihr Kind sei das wichtigste, begabteste und wundervollste Wesen auf dieser Welt, obwohl es das nicht ist, wollen bestimmte Dinge nicht hören – ist mir auch klar. Das wäre ja auch unangenehm. Alle anderen seien gegen es und sie müssen sich verhalten, wie bescheuerte Glucken auf Speed. Sein Kind zu schützen, heißt nicht, es als unfehlbar zu sehen, sondern ihm zu helfen. Dafür braucht man kein Geld, sondern Zeit. Meine Eltern schafften es, mich ohne Nachhilfe zu einem Abitur zu bringen, dann zu meinen Examina und ich mich zu meinem Master. Dinge der Unmöglichkeit, oder? Ich hatte nie die neuesten Spielsachen, chicsten Klamotten und cool war ich auch nicht: Aber ich kann streiten, konstruktiv, wertschätzend, empathisch und einfühlend sein. Ich konnte meinen Schulstoff und weiß vieles heute noch, ich kann erklären, definieren, mich ordentlich anziehen UND Wahlplakate verstehen. Ja, ich war vielleicht ein Käpsele, aber ich musste selbst zum Käpsele werden und wurde als keines geboren.

Und zu der Aussage: Haben Sie Kinder, nein. Dann wissen Sie es nicht.

Mit welcher Dreistigkeit glauben eigentlich diese Weiber, nur weil sie gekalbt haben, seien sie zu irgendetwas fähig. Ich stelle mich doch auch nicht vor sie hin und meine: Haben Sie Abitur? Haben Sie sexuell übertragbare Krankheiten? Nein? Denn genau das wäre pietätlos, bei kinderlosen Frauen darf man das aber, weil man selbst geboren hat. Wie bescheuert ist man denn bitte, eine Frau auf die Fähigkeit des Gebärens zu reduzieren. Ok, wenn man das tut, dann ist man – genau dann –  eine sexistische, kritikresistente Wachtel. Es gibt Frauen, die können keine Kinder bekommen oder wollen keine. Oder sie halten es wie ich: Sie wollen ihren Kindern eine reife, reflektierte Mutter bieten. Hätte man da vielleicht auch erwarten können, aber zu blöd zum Verhüten war man dann wohl auch und man sollte sich überlegen, ob man statt den Grünen doch lieber die AfD wählt, die hält nämlich das Erbe der Aryan Motherhood wenigstens hoch.

Und an die anderen, reifen, reflektierten, entspannten Mamas: Euch mag ich trotzdem und zum Glück habe ich Euch als Beispiele, dass Familie nicht bedeutet im Schöner- Wohnen- Katalog zu leben, mit Daimler vor der Tür und Parfums im Regal, die zwar stinken, aber die man trägt, weil sie teuer waren, einer Illusion von Familienglück nachzueifern, die man nie hatte und nie erleben durfte, weil die eigene Mutter ein genauso kaltherziges, ehrgeizzerfressenes und liebloses Wesen war, wie man es jetzt selbst ist. Wir leben nicht mehr 1935- aber da hätte man es verstanden.

 

Darauf erstmal ein Frauengold…

Frauengold

.

Das literarische Solo

Andreas Altmann – Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

AltmannErstausgabe: 2011
Epoche: Postmoderne

Inhalt:

Andreas Altmann wächst als Sohn eines Devotionalienhändlers mit einem latent extremen Aggressionsproblem auf. Dieser verprügelt nicht nur die eigenen Kinder, sondern misshandelt auch seine Frau. Als sie sich gegen das eheliche Beischlafrecht des Gatten zur Wehr setzt, wirft er sie hinaus und beginnt eine Beziehung zur ebenfalls sadistischen Haushälterin. Die Kinder leiden und das prägte die Kindheit und Jugend des Autors.

Kritik:

„Da fängst Du halt eine“ – ein Satz, der auch in meiner Generation heute noch etwas auslöst, das zwischen Panik und einem lächerlichen „ach ja?“ angesiedelt ist. Man erfährt in diesem Buch viel über die neuere deutsche Geschichte, das Trauma des Krieges und bürgerliche Spiesserfassaden irgendwo im katholischen Bayern. Die Mutter ist von den Misshandlungen des Ehemanns zu schwach, um die eigenen Kinder zu schützen und so nimmt das Drama seinen Lauf.

Bitterböse rechnet Altmann mit dem Vater ab. Sowohl psychische, als auch physische und sexuelle Gewalt werden schonungslos als machtreproduzierende Mittel dargestellt und zeigen auf erschreckende Art und Weise – weil sie eben biografisch sind – deren Auswirkungen auf das Leben eines Menschen.

Warum man es gelesen haben muss:

Gewalt in Familien ist heute noch ein Tabuthema. Das Buch zeigt aber mehr, als einen prügelnden Vater. Es zeigt das Drama der Deutschen um Kriegstraumatisierte, den Deckmantel der Spiessigkeit und das Bisschen mehr religiöse Verblendung in meinem Nachbarbundesland. Super Buch.

 

Daten:
Altmann, Andreas: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter  und meine eigene Scheißjugend

Piper Verlag
256 Seiten

ISBN-13: 978-3492053983