Das literarische Solo

Marjane Satrapi – Persepolis. (Beide Bände)

Persepolis

Erstausgabe: 2000-2003
Epoche: Moderne/ Postmoderne

Inhalt:

Marjane lebt mit ihren Eltern im Iran als die islamische Revolution beginnt und sich das Land verändert. Zunächst übernimmt der Chomeini die Macht und Frauen müssen sich wieder verhüllen, Universitäten werden geschlossen und das Leben beginnt sich zurück zu entwickeln. Da sich Marjane sträubt, wird sie von den Eltern nach Frankreich geschickt.

Kritik:

Die wohl eindrücklichste Form der Auseinandersetzung mit politischen Inhalten ist die Graphic Novel. Persepolis fesselt durch die Bilder, ohne platt, rührselig oder anfeindend zu wirken. Das Thema Islam ist vor allem in Deutschland eindeutig besetzt. Die Novel kritisiert den Islam Chomeinis, ohne dabei die ganze Religionsgemeinschaft in Misskredit bringen zu wollen.

 

Warum man es gelesen haben muss:

Nichts ist heute ein größeres Feindbild als der Islam. Gleichzeitig wissen die meisten Menschen wenig über diese Religion und assoziieren sie mit schreienden, bärtigen Männern auf Jeeps. Was alledings diese Entwicklungen begünstigt hat oder unmittelbar auslösende Faktoren waren, wissen wenige – ausgenommen wollpullovertragende Gemeinschaftskundereferendare und ihre Freundinnen. Durch die außergewöhnliche Form und den hohen ästhetischen Wert öffnet die Graphic Novel bewusst auch dieses Thema für ein anderes Publikum.

 

Daten:
Sartrapi, Marjane (2004): „Persepolis. Eine Kindheit im Iran“ und „Jugendjahre“, Edition Moderne
160 Seiten

ISBN-13: 978-3907055748

 

Ivaniča-Antoinette

Ich habe wieder etwas gefunden, ich lästerliches Weibsstück… Ivanka Trump hat in ihrem Online-Shop-Blog-Whatever Ziate von sich und sie sind so dumm, dass sie schon wieder witzig sind. Deswegen werden diese Zitate jetzt philosofistet. Wer meine Beiträge liest, kennt aus langer Vergangenheit das Philosophisteneckchen.

Voila, here it is. In der Kategorie „Wise Words“ postet sie diese. Neben Zitaten von Anne Frank und Coco Chanel, die sie in den Kontext einer bourgeoisen Leistungsideologie stellt, veröffentlicht sie auch ihren eigenen Senf.

ivanica

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„Der einfache Pfad ist gewöhnlich nicht der, der es wert ist, ihn zu gehen.“

Darauf erst mal nen Respektrülpser. Alter Latz, wenn mir eine Milion-Dollar-Princess erzählt, dass man den schwierigeren Weg gehen soll, dann möchte ich in ihr hübsches Gesicht treten. Unvermittelt.

Jemand, der an sackteuren Privatuniversitäten studierte, erklärt mir, dass man den schwierigen Weg gehen müsse. Dazu gehört noch ihre presbyterianische Sozialisation, deren Grundgedanke ist, dass nur der, der den schweren Weg geht, von Gott mit Reichtum belohnt wird. Dass aber Reichtum einem das Leben doch nicht ganz unerheblich erleichtert, vergisst sie dabei aber.

Bereits 1904 veröffentlichte Max Weber seine Schrift „die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, da der Presbyterianismus sich vom Calvinismus ableitet, stellt dieser eine verschärfte Form protestantischer Ethik dar.

Interessant ist hier sicherlich auch der Verweis auf die Lebenswelt Frau Trumps – über die ich mir aber kein Urteil bilden möchte, da ich sie nicht kenne.

Doch wirken gerade solche Zitate aus dem Mund oder der Feder einer Millionärstocher und Geschäftsfrau wie blanker Hohn gegenüber Menschen, die ihren Job verloren haben oder die aufgrund von finanziellen Problemlagen sich nicht verwirklichen können. Gleichzeitig muten sie nahezu zynisch an, wenn man sieht, dass ihr Vater eine Elitenpolitik, die auf Ausbeutung der Arbeiterklasse basiert, betreibt.

In dem Sinne: Nachtigal, ick hör Dir trapsen.

Höcki, my fuhrer…

Ich frage mich ernsthaft, was in Björn Höckes Kopf eigentlich vorgeht. Das mache ich nicht als Bürgerin der BRD sondern als böhmischstämmige Verwandte von NS-Opfern. Vor 75 Jahren starb – oder eher verreckte – meine Großtante elendiglich in Ravensbrück. Sie, die volksdeutsche Mutter von sechs Kindern. Sie, die arisch bis ins Mark war – blöderweise glaubte sie falsch. Ebenso mein Urgroßvater, der aber aus dem Lager wieder frei kam. Katholisch, sehr deutsch aber blöderweise unbeugsam.

Höcke fordert von uns die neuen Preußen zu werden. Blöderweise vergisst er dabei, dass es genau eine Horde Preußen waren, die gerne Hitler unter die Erde gebracht hätten. Ich halte von einigen dieser Preußen sehr viel – obwohl ich im Herzen katholische Böhmin bin, aber eine Marion Gräfin Dönhoff zollt mir jegliche Form des Respekts ab. Aber das hat der Herr Geschichtslehrer blöderweise vergessen. So defizitär das Lehramtsstudium auch sein mag, das sollte man wissen – immerhin besteht man in BW wegen solcher Fauxpas das Ref (hoffentlich) nicht.

Ich habe kurz überlegt, ob mir diese Äußerung, dass das Holocaustdenkmal ein Schandfleck sei, wehtun sollte, aber ich entschloss mich dazu, lieber eine widerständige Haltung einzunehmen. Ich kenne genug Juden, um sagen zu können, dass diese Menschen genau solche Arschlöcher sein können, wie Biodeutsche, aber ebenso liebenswert. Wir sind alle Menschen. Vielleicht hat das Nationalbot Björni einfach vergessen. Seine geballte Wut wirkt wie die eines Spießbürgers, um seine Trauer darüber zu überdecken, dass er nicht auf ein Konstrukt stolz sein darf. Ich sehe es da wie der große böhmische Philosoph Joseph Schwejk: „Und deshalb muss Schrecken sein, damit die Trauer für was steht.­“

Der Schrecken sind nicht die Geflüchteten oder die Linken. Der Schrecken ist der Versuch, das Abendland zu retten. Dass dieses aber vor allem von denjenigen profitierte, die neu ankamen und heimisch wurden, haben unsere braunen Freunde vergessen. Ich habe Freunde, deren Familien, die als vertiebene Deutsche, die Menschen über Grenzen schleusten, nach Deutschland kamen. Ich habe Freunde aus allen möglichen Ländern und ohne sie wäre mein Leben ärmer. Und ich profitiere auch davon, dass meine Familie offen über unsere Opfer in der Familie spricht. Denn von diesen Menschen habe ich eins gelernt, dass es meine Verpflichtung ist, durch mein Bekenntnis auch andere anzunehmen.

Ihr wollt das christliche Abendland schützen? Dann lest die Bibel, setzt Euch mit Jesus auseinander. Mit Jesus dem alten Kommunisten!

Laminatrix schreibt einen Essay

oder: Die Auseinandersetzung mit Textsorten der gymnasialen Oberstufe

Vorbemerkung

Eigentlich wollte ich das Aufsatzthemas einens Freundes von mir schnappen und zu einem Essay umarbeiten. Wollte heißt hier: Da die Klasse noch einen Aufsatz zu einem ähnlichen Thema schreibt, werde ich mich mal zurückhalten und mir stattdessen das Thema eines prämierten Schüleraufsatzes schnappen. Also Laminatrix Abitur 2.irgendwas.

Hierzu suchte ich mir die Themenstellung „Glück haben – glücklich sein“ aus dem Abi 2014 aus. Den Essay von 2006 habe ich leider nicht mehr gefunden, sollte aber insofern kein Problem sein, da ich demnächst meine ganzen Deutschlehrerquellen nerven werde. So wie Doctor Strange…

 

Glück haben – glücklich sein

„Das Einzi[st sic!]ge, was sich verdoppelt, wenn man es teilt, ist Glück!“, so oder so ähnlich prangt dieser Satz in meinem Poesiealbum aus der Klasse 3, verfasst in klecksig-krakeliger lamyfüller gezogener Kinderschrift. Diese Botschaft war scheinbar, neben „lebe glücklich, lebe froh, wie der Mops im Haferstroh“ einer der pholosophischen Basic- Dauerbrenner meiner Kindheit.

Immer wieder stößt man auf die Begriffe Glück und dem daraus abgeleiteten glücklich. In seiner etymologischen Bestimmung ist es aus den mittelhochdeutschen Begriffen für leicht und gelingen zusammengesetzt. Glück beinhaltet tatsächlich das leichte Gelingen der Dinge, es bedeutet schnelle Hochstimmung und gleichzeitig eine langlebige Zufriedenheit. Glück ist flüchtig und wenn man es zu fest zu halten scheint, verfliegt es wie ein Parfüm oder Rauch. Doch wir alle scheinen danach zu streben, was wir selbst als Glück definieren, was ziemlich paradox ist, denn Glück ist nichts mit einer universellen Definition wie Autoreifen, Stricknadeln oder Reizhusten.

Der Begriff „Glück“ gehört zur Klasse der Abstrakta, also Nomen (oder wie wir 2004er Bildungsplankinder noch sagen: Substantiven), die abstrakt sind und daher auch einer gewissen Deutungsoffenheit unterzogen sind. Glück ist vielfältig, vieldimensional und hochgradig indivinduell. Noch schwieriger verhält es sich damit, wenn man dieses Nomen in flektiert betrachtet. Glück haben, bedeutet, dass man verdient oder unverdient, doch zufallsbedingt etwas geschafft hat. Glücklich sein ist hingegen der innere Zustand der Glückseeligkeit – egal ob für längere oder kürzere Zeit.

Lebenskonzept Glück?

Meine Mutter erzählt mir immer wieder von einer jungen Frau, die in einer etwas schwierige Ehe mit einem etwas cholerischen Mann lebte, aber zur Oberschicht ihres sozialen Milieus gehörte. Jedes Mal, wenn meine Mutter fragte, wie es ihr gehe, kam der Satz: Wir sind glücklich. Sicherlich hatte sie mit der Eheschließung und dem Zugang zu einer exklusiven Welt Glück gehabt – von außen gesehen. Aber war sie deswegen glücklich?

Wer im Lotto gewinnt, hatte Glück mit seinem Glückslos, doch derjenige kann zutiefst unglücklich sein. Denn der Begriff der Glücklichkeit ist sowohl mit Zufriedenheit als auch mit dem viel gepriesenen inneren Einklang in Verbindung zu setzen.

Wir streben alle unentwegt nach Glück. Doch wir müssen es selbst definieren und diese Definition muss jedoch der gesellschaftlichen Perspektive auf Glück entsprechen, sonst ist man es in den Augen anderer nicht. Kann ein Harz 4- Empfänger also nicht glücklicher sein, als ein Arbeitnehmer mit einem Netto- Monatsverdienst von 5500 Euro. Ja, das kann er. Denn wenn Beziehungen, Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns oder ein hohes Stresslevel dem entgegen stehen, nutzen einem vermeidliche Insignien des Glückes nichts.

Geteiltes Glück ist doppeltes

Geht man von einer total altruistischen Welt aus, dann ja. Doch das Glück des Einen ist immer mit dem Unglück des anderen verbunden. Man nehme hier mein ehemaliges Ausbildungsfeld: Nach einer Lehrprobe kam eine Referendarin ins Lehrerzimmer und meinte, naja ich habs bestanden, war zwar schlecht, aber ich hatte Glück. Einige Stunden zuvor hatte eine andere die Prüfung nicht bestanden, die aber laut dem Lehrbeauftragten besser als diejenige war, die bestanden habe. Grund dafür war, dass er an diesem Tag den Wert X bereits durchfallen gelassen hatte. Also hatte die eine Referendarin Glück gehabt, die andere Pech.

Dieses Gegensatzpaar ist insofern interessant, dass noch immer der Gedanke aus den grimm’schen Märchen vorherrschend zu sein scheint. Wer nicht arbeitet, hat Pech und derjenige, der hart arbeitet, hat Glück im Leben. Dabei verhält sich doch sowohl das Glück, als auch das Pech eher wie die Baba Jaga, als wie Frau Holle, die gerecht wie sie zu sein scheint, das Glück und das Pech auf die beiden Mädchen verteilt.

Glück ist launisch, unberechenbar und kann sich im einen Moment auf den anderen gegen einen entscheiden. Doch man kann beeinflussen, ob man glücklich ist, indem man selbst Dinge für sich als relevant beachtet. Einem Scheitern kann die Option nach Glück innewohnen und dem scheinbaren Sieg den Weg ins Unglück. Doch unser Paket, das wir vom Schicksal aufgeladen bekommen haben, können wir nicht ablegen, aber wir können uns selbst daran abarbeiten, mit der eventuellen Option, danach glücklicher zu werden, als in dem Moment, in dem wir es abgearbeitet haben.

Der Weg ist das Ziel – auch beim Glück

Wer vieles durchgemacht hat, weiß, wie er sich seinen Weg suchen muss. Auf diesem Weg werden wir immer wieder dem Glück oder dem Pech begegnen, diesem launischen Ding. Doch wer in seinem Leben ein gewisses Maß an Pech und Unglück erlebt hat, lernt positive Momente, wie ein Lächeln, eine kleine Geste oder einen schönen Zufall für sich zu schätzen.

Gestern saß ich mit einem Bekannten zusammen und er erzählte mir von seinem Hund. Er war im Glück und ich war froh, dass ich diesen Mann, der vieles mitmachen musste, glücklich sah. Das erfüllte mein Herz mit Wärme. Ich freue mich gern für andere und das lässt mich auch glücklicher sein – zumindest für einen Moment. Glück kann der flüchtiger Moment der Zufriedenheit sein und das Schöne an Glück ist, es ist nichts Materielles. Denn wenn man sich allein und nicht wertgeschätzt fühlt, dann nutzt einem der ganze Besitz nichts. Wenn man selbst wenig hat, glaubt man oft, man sei mit mehr Besitz oder in anderen Lebensverhältnissen glücklicher, doch ist man das wirklich? Jeder Mensch braucht andere Dinge und wieso soll es das ultimativste Glücksgefühl für mich sein, Mutter zu werden, wenn das zwar viele liebe Freundinnen von mir behaupten, ich es für mich aber so noch nicht festgestellt habe. Glücklichsein ist individuell, Glück ist flüchtig, aber es kann zum Gefühl des Glücklichseins beitragen.

Glücklichkeit lässt sich nicht erzwingen oder gar mit Rezepten aus dem Poesiealbum erlangen. Glücklichkeit ist dieses warme, heimelige Gefühl, das Gefühl von Geborgenheit und Freiheit. Das Gefühl zu wissen, dass man selbst richtig ist und sein Bestes gegeben hat. Ob man dabei Glück hat, ist von der unsteten Glücks-Wetterhexe anhängig. Denn Glück kommt auch oft genug im hühnerbeinigen Häuslein daher.

baba-yaga

 

 

německý!

Wenn ich etwas liebe, dann sind es Menschen, die auf ihr Deutschsein super stolz sind. In meinem Nachbarort wurde gestern einem Typen, der seinen Garten machen ließ, ein Ball aus dem Garten gemopst. Und das Schlimme war, es waren Ausländer, die nicht deutschig aussahen. Natürlich entbrannte dann die Diskussion über das Dasein als Bürger zweiter Klasse – nicht nur bei Satschüsseln auf dem Dach, sondern auch beim Mopsen von Gemüse.

Genau da warf eine Mitdiskutierende ein, ob er sich sicher gewesen sei, ob es Asylanten waren oder doch evtl. Deutsche. Dann kam das:

Steffanie

Herzlichen Glückwunsch, Steffi mit 2 f,

ich bin stolz auf Dich und Dein Nationalbewusstsein, echt. Man merkt gleich, dass Du mächtig stolz darauf bist, Teil einer Gruppe zu sein. Es sind zwar diejenigen, bei denen die Blondierung durch die Schädeldecke durchdiffuniert ist, aber super, dass Du Dich als Teil eines Ganzen fühlst.

Und Danke, dass ich wegen Menschen wie Dir gottfroh bin, nicht mehr zu unterrichten. Weil ich Euch wahrscheinlich irgendwann mit Blondierung beworfen hätte.

Das literarische Solo

Jeffrey Eugenidis – Middlesex (2002)

middlesex

Erstausgabe: 2002
Epoche: Amerikanische Postmoderne

Inhalt:

Als 1922 die griechische und die armenische Minderheit in der Türkei systematisch ausgerottet wird, beschließen Lefty und Desdemona das Land zu verlassen und in die USA zu migrieren. Das Liebespaar traut sich auf dem Schiff, das sie in die USA bringen soll – was aber keiner weiß – dass beide Geheimnisträger sind. Dieses Geheimnis erweist sich als folgenschwer, als ihre Enkelin Caliope geboren wird.

Kritik:

Liebevoll verpackte Gesellschaftskritik, die sich mit der Assimilation von im 20. Jahrhundert eingewanderten Europäern in die USA und deren Überidentifikation befasst. Nebenbei erhält man eine Geschichtsstunde zur Nachkriegsgeschichte des Ersten Weltkrieges aus zwei Perspektiven: Der Othodox-Griechischen und der assimilierten von Migrantinnen in die USA.

Dabei wird die Geschichte von Caliope sensibel erzählt, ihre Kindheit und Pubertät bis hin zu ihrer Erwachsenenzeit, indem Eugenidis Cal selbst erzählen lässt.

Warum man es gelesen haben muss:

Die Themen Integration vs. Assimilation und sexuelle Orientierung sensibel, mitfühlend und empathisch erzählt bewegen einen zum Umdenken und stellenweise zum Schmunzeln. Caliopes Vater Milton und der Wille ein echter Amerikaner zu werden, ihr Bruder, liebevoll Pleitegeier genannt, und ihre Identitätsfindung machen einen oft auf das aufmerksam, auf das man selbst mit dem Finger zeigt.

Sehr lesenswert vor allem für Menschen, die auf Demonstrationen gehen, die vorgeben, für alle zu sein und doch alle, die anders sind, ausgrenzen.

Das Mädchen im grünen Bikini

Gedanken einer Noch-Nicht-Mutter…

Gerade wird der Brief einer Mutter geteilt, die diesen an ein Mädchen im grünen Bikini geschrieben hat. An das Mädchen in der Clique mit den Komplexen. Ich war auch eines und habe mehr als 15 Jahre gebraucht, um es nicht mehr zu sein. Das habe ich geschafft, weil ich diese Menschen um mich hatte, ganz besonders Schatzke und weil ich viel Zeit zum Nachdenken hatte.

Ich weiß noch, als ich mit 13 anfing, Komplexe zu entwickeln. Bis zu meiner Pubertät und den Aufklärungsstunden meiner Biolehrerin war mir mein Körper egal. Er war halt da, aber mein größtes Problem war damals noch, wie ich meinen Zeitplan aus Musik, Sport und Freizeit organisierte. Schule fiel mir leicht, Freundinnen hatte ich nicht wirklich – es war eher eine Art Zweckgemeinschaft der Uncoolen und Jungs waren für mich so attraktiv wie die Vorstellung zum Zahnarzt zu gehen. Doch dann kam meine Mitschülerin in die Klasse, die völlig entwickelt war – ich nicht. Statt einer Doppel-D-Oberweite bekam ich breite Hüften. Ich habe diese Dinger noch immer und mittlerweile finde ich sie sogar echt tolerabel. Das fanden meine Mitschüler damals nicht. Aufgrund meines eher geradlinigen Charakters (Danke an meine Büromama, die ihn neulich sehr lobte 😉 ) und meiner eher uncoolen Kleidungsweise war ich das Klassenopfer. Hinzu kam, dass die Doppel-D- Inhaberin es wie keine andere verstand, einem zu erklären, dass Brustfett dazu führe, dass Männer einen nie mehr gehen ließen. Danke! Faszinierend ist jedoch, dass man noch immer mit dem defizitär-pubertären Ich – bzw. der Wahrnehmung  Dritter als dieses – konfrontiert ist.

Doch irgendwann muss man sich dafür entscheiden, diese Blicke und Aussagen hinter sich zu lassen und sich selbst irgendwie zu akzeptieren und das in einem System medial konstruierter Bilder von Beziehung, Glück und dem, was man darstellen sollte. Ich entschied mich für das Lieben meinerselbst, weil mir dieses Optimieren irgendwann zu blöd wurde. Sport betreibe ich nicht mehr, um Männern zu gefallen, sondern wegen meines Rückens. Gesund ernähre ich mich nicht mehr, weil ich Fett oder Wasser verlieren will, sondern weil es mir schmeckt. Aber deswegen esse ich noch lange keinen gedünsteten Blumenkohl – den finde ich ziemlich geschmacksekelhaft.

Da ich mit dieser Dame in nächster Zukunft wohl nicht sprechen werden kann, ohne dass sie gilft wie eine hysterische Ziege, nun der Weg, den ich schon lange hätte gehen sollen. Und ja, das wird wieder latent gehässig.

Liebe X,

ja, genau Du. Danke für den Komplex, dass Brüste entscheidend darüber sind, dass ein Mann einen lieben könnte. Ich weiß nicht, woher Du das hast, wobei aufgrund Deiner Sozialisation wohl einige Schlüsse zulässig wären. Wir haben uns 13 Jahre (glücklicherweise) nicht gesehen und nur in verschiedenen „wer bringt was“- Diskussionen gelesen. Ich würde Dir gerne mit Respekt entgegentreten, aber es funktioniert nur auf einem Mindestmaß, das ich einhalten muss, weil es meine eigenen Ethik von mir einfordert.

So wie ich Dich kennengelernt und erlebt habe, ist es Dir noch immer nicht klar, warum ich Dich in Klasse 9 und 10 alles geheißen habe, Dich mit Schimpftiraden tituliert hatte und Du Dich deswegen in Deinem Gemobbt- Gefühl geahlt hast. Das mag an fehlendem Schuldbewusstsein oder auch an fehlender Selbsteinschätzung liegen. Über die Liebenswürdigkeit und die Attraktivität anderer zu urteilen, ist etwas Subjektives, das einem nur bedingt zusteht. Ich sag Dir ja auch nicht, dass man Deinem Neuen ansieht, dass er nur in Dein Fressenschema passt und ich hoffe, dass das sozial-normiert passiert. Kein Mensch muss im Schema eines anderen funktionieren – oder doch? Ich verstehe Deine Verhaltensweisen, weil ich mich mit Menschen Deiner Denke auseinandergesetzt habe – jahrelang. Ich verstehe, warum Du so handelst und gehandelt hast. Rein rational. Als Mensch finde ich Dich aus meiner subjektiven Sicht ziemlich bescheuert. Du verletzt andere, um an Deinem Egostate zu arbeiten. Du glaubst Du bist der „Nightmare dressed like a daydream“ für Frauen wie mich, doch ändert sich nichts daran, dass Du es nicht bist. Meine Figur hat Dich jahrelang dazu motiviert, mich aufzuziehen. Ich zog Dich mit Deiner Person, Deinem Habitus und Deinem fehlenden Talent auf. Ich hätte mich operieren lassen können, aber leider kannst Du Dir keine Fähigkeiten, keine Kompetenzen und keine Persönlichkeit anoperieren. Du wirst Dir auch nie Stil oder Habitus anoperieren lassen können, weil Du es nie erlebt hast und es Dir nicht aneignen konntest.

Finanziell wirst Du mehr Kapital als ich haben, ich habe dafür soziales und kulturelles. Dein Geld wird sich nie in Beziehungen und Fähigkeiten transferieren lassen, meins dafür schon. Und Bauer bleibt Bauer – egal wie sehr versucht wird, es zu ändern. Spätestens seit Deinem öffentlichen Debattieren über Dein Ehe-Aus – was ich nebenbei ziemlich grotesk fand. Du warst Teil einer verdienenden Oberschicht, jetzt bist Du Hipsterbraut und wirst vermutlich auch noch mehrfach Deine sozioökonomische Gruppe wechseln. Du solltest Dir vielleicht überlegen, ob Du nicht einfach versuchst, zu Dir selbst zu finden.

In geschützter Liebe – ich

 

Ein Abgesang oder so

Letzte Woche war ich mal wieder im Palast des Wahnsinns. Und ja, ich war schockiert. Nicht, weil mein Bild nicht mehr in der Ahnengalerie hängt, sondern auch, weil sie Legenden um meinereiner ranken. Man holt sich einen Kaffee und denkt sich nichts dabei. Als einer der Jungs dann erfuhr, dass ich mal Vorstand im besten Café aller Zeiten war – aber nicht der beste Vorstand – musste ich grinsen, als man mir sagte, dass es bei uns doch so gut war. Nee, wars nicht.

Mit illusionistischen Studierenden aber in einem Raum zu sitzen, strapaziert meine Nerven.Als dann noch zwei Dozierende reinkamen und einer treffsicher feststellte, ich sei ja schon gehässig, weil ich seine sexistischen Sprüche mit Aussagen konterte, dass sein Fach ja das Sammelbecken von Nichtfickern sei, bejahte das Chefchen. Mein ehemaliger Chef – das menschliche Goldstück und Aufmunterer meines Studiums – lud mich ein, doch in sein Seminar zu kommen.Und da war es wieder: Das Gefühl, keine Kinder mehr zu wollen und mich stattdessen lieber der Aufzucht von Kampfkarpfen zu widmen. Studiert man an einer pädagogischen Uni (die nur Pädagogen ausbildet), ist man mit allerlei Spaß konfrontiert. Den meisten habe ich tatsächlich in Literaturseminaren gehabt. Ich kam mir oft vor wie der weiße Elefant, weil ich die Texte gelesen hatte.

Einer dieser Fälle war bei einer von mir hochverehrten Professorin im Seminar. Es ging um europäische Amerikabilder. Und wir machten eine fancy shmanzy Blitzlichtrunde. Es ging um unsere erste Assoziation zu Amerika. Meine Antwort war „Global Bully“ ihre „Pursuit of Happyness“. Sie wollte Las Vegas, Freiheitsstatue und Stars hören.

Ok, man kann manches nicht erwarten, vor allem nicht von Menschen, die das Studium in sechs Semestern runterkloppen wollen und dabei irgendwie intellektuell überfordert und didaktisch gefordert sind. Bei Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften an der Oberfläche zu kratzen ist ungefähr so, wie die Ermittlungen in Kriminalfällen zu ignorieren oder bei OPs die Voruntersuchung einfach wegzulassen. Aber sei’s drum. Die Streberin bekäme ja sonst ihren Moralischen.

Was ich an dieser Sache wirklich fatal finde, ist, dass mir Schülerinnen und Schüler oft berichten, dass sie den Sinn hinter Politik und Geschichte nicht verstehen. Sie interessieren sich nicht für etwas, das sie nicht verstehen – mir geht es bei Physik, Germanys Next Topmodel und 7/8 Hosen ähnlich. Aber das führte ebenfalls zu weit.

Mangelnde Bildung auf ein Schulsystem zu schieben, ist so, wie die Bundesregierung für Entscheidungen einzelner Abgeordneter verantwortlich zu machen. Globale Zusammenhänge gehören wieder gedacht, statt der achtundneunzigsten Variation des Gruppenpuzzles oder einer Abhandlung zur Armhaltung im Deutschunterricht. Denn sonst ergeht es zukünftigen Generationen so, wie einem als Betrachter dieses Videos, wenn man beim Pornosschauen zufällig auf eine Bundestagsdebatte umschaltet.

Thermomixmenschen

Wie einige von Euch wissen, bin ich großer Fan der Pepe Nietnagel- Reihe. An jedem Feiertag laufen die Filme in den dritten Programmen und ich liebe es, mir den Spaß anzutun. Denn er enthebt mich aus der Rolle der kritischen Pädagogin. Eigentlich.

Da ich mich neulich (mal wieder) über das herablassende Verhalten ehemaliger Kolleginnen geärgert hatte, die sich mehr mit ihren Küchengeräten auseinandersetzen, als mit dem Wohl ihrer Mitmenschen, fühlte ich mich an diese Generation der Pädagogen zurückerinnert. Die Gattung des Homo paedagogicus gymnasiale erweicht regelmäßig meinen Keks und mein Herz macht da oft genug Siesta – oder so.

Mich amüsiert vor allem die Tatsache, dass Frauen in meinem Alter aus gutbürgerlichen Elternhäusern mir gerne etwas zum Thema Lebenswirklichkeit von heutigen Jugendlichen erzählen. Die typische Lehramtsstudentin/-Anwärterin/ Junglehrerin stammt aus einer Mittelschichtsfamilie, ist in der Regel die erste, die studiert hat und  deren Eltern ganz fürchterlich stolz darauf sind, dass das Mädel ein Studium hat. So begütert und auch aus einer sehr speziellen Weltanschauung heraus geprägt,  gehen sie erfolgreich auf Kinder los. Neben dem Job gehen sie gerne feiern (früher im Club in der nächsten Stadt, trinken gern Aperol) und finden örtliche Fußballvereine – weil der Schatzi da ja spielt – gut. Nebenbei haben sie recht mittelflott studiert, machte aber nix, weil die stolzen Eltern das ja bezahlt haben. Aber sie sind ja so tight an den Kindern von Harz IV- Empfängern dran…

Natürlich gibt es andere Problemlagen, wie die Lieferzeiten des Thermomix oder die Frage, ob man sich eine Wohnung mit Mitte 20 gleich kaufen soll oder nicht. Man hat ja schließlich ein Beamtengehalt und jede Menge Muse, da man sich nicht mit so unwichtigen Dingen wie Tagespolitik oder die Gefühle anderer Menschen. Nur so lange die eigene Klasse mitläuft, ist es super. Dabei spreche ich nicht generell über Lehrerinnen, denn ich kenne viele weise, selbstdenkende, tolle Frauen, die Kindern viel mitgeben können. Courage, Mut, eigenständiges Denken, Argumentationskraft und viel Achtung und Wertschätzung. Mich nerven allerdings nur diejenigen, die kaum haben sie die Verbeamtung, was in BW nach drei Jahren der Fall ist, schwanger werden. Mich nerven die Mädels, die mit Michael-Kors-Handtasche, mit einer Uhr im Gegenwert eines Kleinwagens am Handgelenk und Papas Drittwagen auf dem Schulparkplatz, die so einer Sozialtante wie mir irgendetwas zu Beratung, jugendlichen Lebenswelten und Pädagogik erzählen wollen.

Sie haben sich weder auf dem Schulhof geschlagen (und zwar von Jungs und Mädels), noch hattet ihr Angst davor, dass sie sich ihr Studium nicht leisten könntet oder dass Nebenjob und Studium nicht vereinbar sind und man sich zwischen Geld oder Bildung entscheiden muss. Ok, manche haben vielleicht ein gesteigertes Verständnis für Anorexen und Bulimikerinnen. Vielleicht ist das ja das, was diese Frauen auszeichnet. Maybe.

Was haben aber diese Damen mit den Paukern aus den Nietnagelfilmen gemeinsam? Sie sind ebenfalls manchmal etwas ratlos bei pädagogischen Grundlagenproblemen und vorn mit dabei, Schüler sehr interessant zu strafen. Ich habe ja meine Vorliebe für diese ganzen Super- Schulkonzepte, die nicht nur Hungersnöte, Vergewaltigungen und Amokläufe präventieren, sondern auch alles Böse aus der Welt schaffen. Genau hier findet sich die Abnehmerinnen für jene Bücher, denn wie geil ist denn bitte das, dass einem Handlungsanleitungen [gegeben werden], die einen ‚effektiven‘ und ‚störungsfreien‘ Unterricht ‚mit möglichst wenig Kraftaufwandmöglich machen sollen“ (Herz & Heuer, 2014, S. 246). Dass dabei aber Porzellan zerschlagen wird, Kinderseelen gequält werden und Wertschätzung nur dazu dienen soll, sich des anderen, kritischen Charakters zu bemächtigen, finde ich kritisch. Interessant ist dabei, dass genau jene Lehrerinnen sich gerne auf diese Art und Weise mit anderen unterhalten. Neulich hatte ich eine ähnlich groteske Situation erlebt. Ich war in der Nähe einer pädagogischen Institution eine rauchen. Ich stand nichtsahnend vor dem Kasten und starrte in mein Handy. Da kam eine Vertreterin:

„Siehst Du das Schild nicht, du darfst hier nicht rauchen.“
„Jo“
„Mach die Zigarette aus“
„Nope“
„Mach sie sofort aus, sonst“
„Sonst was, sagst Du es dann dem Direx? Schau mal da drüben ist die Polizei. Vielleicht interessieren die sich ja dafür.“
„Der Raucherbereich ist auf der anderen Seite des Gebäudes.“
„Ja“.
Währenddessen war die Kippe schon zu ¾ runtergebrannt…
„Stört es Dich etwa, dass ich rauche.“
„Ja!“
„Wie wäre es einfach, wenn Du das sagen würdest. Weißt Du freundlich uns so, kennst Du doch noch“.

Der Thermomixmensch ist nicht zu verwechseln mit dem Torpedomenschen und tritt oft kombiniert mit Clean-Babetum auf.