Warum wir mehr Schwejks brauchen

Ein böhischer Hundehändler, der Kaiser und ein Krieg. Das ist Josef Schwejks Geschichte. Dem ein oder anderen mag der attestierte Idiot noch etwas sagen, weil er die Filmversion mit fritz Muliar kennt.

Jaroslaw Haschek hat eine wunderbare Satire auf Macht und ein grandioses Plädoyer gegen den Krieg geschrieben.

Jaroslaw Hašek – Der brave Soldat Schwejk (Osudy dobreho vojaka Svejka za svetove)

schwejk

Erstausgabe: 1923
Epoche: Moderne

Inhalt:

Am Tag, an dem das Attentat von Sarajewo stattfand und damit der Grundstein für den ersten Weltkrieg gelegt worden war, geht Josef Švejk (tschechische Schreibweise), der einige Jahre zuvor den Kriegsdienst quittiert hatte, da er laut ärztlicher Diagnose zu blöd dafür war, in seine Stammkneipe den Kelch (tschechisch: král). Durch ein Missverstehen wird er vom feindseeligen Polizisten Brettschneider verhaftet. Damit beginnt seine Reise durch das sich aufrüstende Habsburger Reich

Kritik:

Entweder man liebt oder man hasst ihn, den böhmischen Soldaten, der eigentlich nicht auf drei zählen kann und trotzdem so viel Weisheit versprüht… Er sinniert über den ersten Weltkrieg, über die Eskalation in einem zerzankten Europa, das im Begriff ist, sich neu zu ordnen. Weder links noch rechts betrachtet Hašek diese Zeit ironisch, aber mit einem sehr liebevollen Augenzwinkern für die einfachen Leute. Das Militär und die Obrigkeit bekommen hingegen ihr Fett weg und man erkennt einige Parallelen mit dem heutigen Beamtenstand.

Dabei offenbart Hašek eine wichtige Erkenntnis: Egal auf welcher Seite wir stehen, wir sind Menschen. Eigentlich könnten wir uns, wenn die Politik nicht wäre, durchaus sympathisch sein.

Warum man es gelesen haben muss:

Für mich als Böhmischstämmige mit großer Affinität zu verzierten Buchstaben ist es ein Muss. Doch auch für Menschen, die sich als Pazifisten und kleine Unruhestifter sehen, die gerne der Gesellschaft und mit ihr ihren Obrigkeiten den Spiegel vorhalten, ist es eigentlich eine Pflichtlektüre. Wer Geschichte aus dem Winkel der Satire verstehen will, sich einen klassischen Pikaroroman zu Gemüte führen oder einfach herzlich lachen möchte, ist das eine Wohltat.

 

Daten:
Hašek, Jaroslaw: Der brave Soldat Schwejk

Rohwolt
365 Seiten

ISBN-13: 978-3499104091

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Do you know… Hannah Arendt

Grandiose Frau (1906-1975), politische Theorektierin, Philosophin, die sich nie als solche sah.

Ein Abgesang oder so

Letzte Woche war ich mal wieder im Palast des Wahnsinns. Und ja, ich war schockiert. Nicht, weil mein Bild nicht mehr in der Ahnengalerie hängt, sondern auch, weil sie Legenden um meinereiner ranken. Man holt sich einen Kaffee und denkt sich nichts dabei. Als einer der Jungs dann erfuhr, dass ich mal Vorstand im besten Café aller Zeiten war – aber nicht der beste Vorstand – musste ich grinsen, als man mir sagte, dass es bei uns doch so gut war. Nee, wars nicht.

Mit illusionistischen Studierenden aber in einem Raum zu sitzen, strapaziert meine Nerven.Als dann noch zwei Dozierende reinkamen und einer treffsicher feststellte, ich sei ja schon gehässig, weil ich seine sexistischen Sprüche mit Aussagen konterte, dass sein Fach ja das Sammelbecken von Nichtfickern sei, bejahte das Chefchen. Mein ehemaliger Chef – das menschliche Goldstück und Aufmunterer meines Studiums – lud mich ein, doch in sein Seminar zu kommen.Und da war es wieder: Das Gefühl, keine Kinder mehr zu wollen und mich stattdessen lieber der Aufzucht von Kampfkarpfen zu widmen. Studiert man an einer pädagogischen Uni (die nur Pädagogen ausbildet), ist man mit allerlei Spaß konfrontiert. Den meisten habe ich tatsächlich in Literaturseminaren gehabt. Ich kam mir oft vor wie der weiße Elefant, weil ich die Texte gelesen hatte.

Einer dieser Fälle war bei einer von mir hochverehrten Professorin im Seminar. Es ging um europäische Amerikabilder. Und wir machten eine fancy shmanzy Blitzlichtrunde. Es ging um unsere erste Assoziation zu Amerika. Meine Antwort war „Global Bully“ ihre „Pursuit of Happyness“. Sie wollte Las Vegas, Freiheitsstatue und Stars hören.

Ok, man kann manches nicht erwarten, vor allem nicht von Menschen, die das Studium in sechs Semestern runterkloppen wollen und dabei irgendwie intellektuell überfordert und didaktisch gefordert sind. Bei Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften an der Oberfläche zu kratzen ist ungefähr so, wie die Ermittlungen in Kriminalfällen zu ignorieren oder bei OPs die Voruntersuchung einfach wegzulassen. Aber sei’s drum. Die Streberin bekäme ja sonst ihren Moralischen.

Was ich an dieser Sache wirklich fatal finde, ist, dass mir Schülerinnen und Schüler oft berichten, dass sie den Sinn hinter Politik und Geschichte nicht verstehen. Sie interessieren sich nicht für etwas, das sie nicht verstehen – mir geht es bei Physik, Germanys Next Topmodel und 7/8 Hosen ähnlich. Aber das führte ebenfalls zu weit.

Mangelnde Bildung auf ein Schulsystem zu schieben, ist so, wie die Bundesregierung für Entscheidungen einzelner Abgeordneter verantwortlich zu machen. Globale Zusammenhänge gehören wieder gedacht, statt der achtundneunzigsten Variation des Gruppenpuzzles oder einer Abhandlung zur Armhaltung im Deutschunterricht. Denn sonst ergeht es zukünftigen Generationen so, wie einem als Betrachter dieses Videos, wenn man beim Pornosschauen zufällig auf eine Bundestagsdebatte umschaltet.

Das literarische Solo

Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen (1932)

 

Erstausgabe: 1932
Epoche: Literatur der Weimarer Republik

Inhalt:

Doris ist ebenso schön, wie sie von ihrem Kaff, in dem sie aufgewachsen ist, angeödet ist. Sie ergreift die Chance, nach Berlin zu ziehen. Dort ist das Fräulein vom Amt in allerlei Liebschaften verwickelt, steigt auf fällt tief. Das alles unternimmt sie – immer in ihrer Pelz gekleidet – um eines Tages ein „Glanz“ zu werden und irgendwann in einem DEFA- Film oder wenigstens im Rampenlicht zu sehen zu sein.

Kritik:

Doris ist ein Phänomen ihrer Zeit, naiv, hübsch und von allerlei völlig irrealen Träumen getrieben. Sie gehört zum Kleinbürgertum, der Gesellschaftsschicht, die nur ein Jahr später Hitler auf den Posten des Reichskanzlers wählt. Bitterböse und erschreckend liefert Irmgard Keun ein Abbild der Frauengeneration am Vorabend des Nationalsozialismus.

Dabei analysiert sie aber nicht die Dorisse dieser Zeit, sondern auch das Kleinbürgertum, eine neue Schicht mit erheblichen Identifikations- und Selbstfindungsproblemen, das zwischen Emanzipation, fehlendem Wertekanon und dem Willen aufzusteigen, gefangen ist.

 

Warum man es gelesen haben muss:

Verbrannte Bücher sind allgemein lesenswert. Wie Werke, die als wesentlich relevanter angesehen werden, wurde auch Keuns Abrechnung mit dem Spiessbürgertum von den Nationalsozialisten verbrannt. Interessant ist das insofern, weil sie ein Frauenbild auf die Schippe nimmt, dessen Vertreterinnen einige Jahre später Orden für ihre Mutterschaft an die Brust gehaftet bekamen.

Ohne das Heer von Deorfschulmeisterlein, Stenotypistinnen und Handelsgesellen wäre Hitlers Aufstieg nie gelungen. Gleichzeitig ist Doris der Prototyp einer deutschen Schwalbe aus dem hedonistischen (siehe Erklärung zum SINUS- Panel) Milieu, nur heute hieße sie nicht mehr Doris, sondern Zoé, Joelle, Janice oder Shanaya und tippen würde sie auch nicht, sondern eher Handys verkaufen.

 

Daten:
Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen

List Verlag
242 Seiten

ISBN-13: 978-3548600857

Das literarische Solo

Maria Lewyka – Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere

Lewyka

Erstausgabe: 2013
Epoche: Moderne/ Postmoderne

Inhalt:

Serge, Clara und Oolie- Anna sind Geschwister, was keiner vermuten würde. Serge und Clara sind schon lange aus dem Haus und haben in der kapitalistischen Welt, die die Eltern so sehr hassen, Karriere gemacht. Aufgewachsen sind sie in der Klischee- Community in England. Ihre Kindheit zwischen Batiktüchern, selbst angebautem Gemüse, einem zwischenzeitlich dort stationierten Orgon- Akkumulator (liebevoll Orgel Acker Motor genannt) und viel freier Liebe klingt für 68er- Romantiker wie die schöne, heile Welt.

Für die Kinder war es eher semigut, sodass sich beide schnell von den Eltern Doro und Marcus entfernten. Neue Sprengkraft verleiht der Geschichte die bevorstehende Hochzeit der Eltern, die sich nach jahrelangem unehelichem Zusammenleben doch dazu entschließen, endlich zu heiraten. Dies geschieht nicht zuletzt wegen der Jüngsten im Bunde, Oolie- Anna, die mit dem Downsyndrom geboren wurde.

Kritik:

Eigentlich ist meine Generation wieder vom Hippiecharme entfernt. Eigentlich, denn wer Eltern wie meine hat, kennt die Geschichten aus dem 70ern und kennt Menschen, die dieser Zeit hinterhertrauern. Irgendwie erinnert mich dieses Gespann an die Familie einer Freundin, die es genauso wenig hinbekommt, mit den Schrullen und Schrulligkeiten ihrer Familie klarzukommen.

Das Buch ist witzig, zynisch und ein Bisschen wehmütig. Es zeigt eine wunderbare Parallelwelt, die auch heute noch existiert – aber eher als eine Art organischer Veganercommunity in unpolitisch und ohne Orgon. Lewynka begeistert durch ihre Bissigkeit und die schöne Art zu erziehen.

Warum man es gelesen haben muss:

Jeder kennt sie, diese Familien, die in sich völlig zerbröselt sind, aber nach außen hin völlig happy sind. Das sind diese Menschen nicht. Lewynka wechselt ständig die Perspektive und man erlebt eine Art systemischer Familientherapie in Buchform – nur völlig ungewöhnlich erzählt.

 

Daten:
Lewynka, Maria: Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere
dtv
464 Seiten

ISBN-13: 978-3423280068

Wie ich Wilhelm Reich lieben lernte

Am Anfang stand da eine Hausarbeit über einen Pionier der Sexualgeschichte und es entstand eine Art Verehrung zu einem Mann, der von der US- Regierung für verrückt erklärt wurde.

Wilhelm Reich erklärte im Jahr 1925, dass Faschismus und Neurosen ähnlich funktionieren, denn durch den inneren Zwang alles zu kontrollieren und damit wiederum Zwänge zu entwickeln sei der Mensch in der Ausübung seiner Selbstverwirklichung eingeschränkt. Dies bewies Freud bereits hinlänglich. Reich bewies wiederum, dass sowohl Faschisten als auch Neurotiker_innen kein oder ein sehr rudimentäres Sexualleben haben.

[Wilhelm] Reich verdankt [Willy] Brandt die Erkenntnis: „Sexuelle Verklemmtheit scheint für begabte Hasser und Intriganten zu sorgen: Politik als Ersatzliebe tarnt sich nicht selten als selbslose Unbedingtheit“. (Andreas Hoidn-Borchers in: Stern, 6.5.2004)

Wir stehen gerade vor einer interessanten politischen Situation, in der sich eine offen rechte  Aussagen proklamierende Partei als neuen Stern am konservativen Himmel sieht, als neue Partei einer bürgerlich-konservativ-liberalen Mitte. Allerdings sind einige Forderungen nicht mehr nur konservativ, sondern extrem fragwürdig. Nimmt man beispielsweise die Forderung, dass 12- Jährige voll strafmündig seinen, keine Sexualerziehung in Schulen stattfinden solle oder dass das Schulprinzip bei der Ehescheidung eingeführt werden soll.

Allein diese Punkte zeugen von neurotischen Tendenzen – zumindest bei einigen Vertreter_n_innen dieser Partei. Ich möchte sie weder als diejenigen, die auf jeder Party im Nichtfickereck standen bezeichnen, noch als Faschisten. Für mich sind die Erklärungsmuster, sowohl von einer Frau von Storch (ausrutschende Mäuse), eines Herrn Meuthen (der den netten Erkläronkel spielt) aber auch die verbalen Gewehrsalven einer Frau Petry äußerst fragwürdig und als Laiin auch teilweise als neurotisch erkennbar.

Schuld ist super

Klare Schuldzuweisungen finde ich klasse. Wirklich, man kann das komplexe Ganze ausblenden und muss keine Verantwortung übernehmen. Dies ist sowohl beim Schulprinzip, als auch bei der Herabsetzung der Schuldfähigkeit so.Ein Kind hat eine Straftat begangen und anstatt sich beispielsweise das soziale Umfeld vorzunehmen, wird es inhaftiert. Das klingt ja nach einem fulminant funktionierenden Plan – ähnlich wie der, sich an einer Tankstelle eine Kippe anzustecken. Kein Mensch steht morgens auf und sagt: Heute begehe ich ein Verbrechen. Delinquenz entsteht durch Erziehung, soziale Umfelder und sowohl medialer als auch lebensnaher Vorbilder. Ein ebenfalls tolles Beispiel ist das Schuldprinzip in der Ehe. Beziehungen scheitern, auch Ehen.Dass dazu immer zwei Parteien gehören, ist das Eine. Das andere ist – und das finde ich viel fataler, dass dadurch wiederum Menschen finanziell aneinander gebunden werden. Des Weiteren soll es auch Menschen, die allein erziehend sind, das Kind aufzuziehen.

Damit wird aber auch das Selbstbestimmungsrecht von Menschen eingeschränkt.

 

Christlich-konservative Panikmache und Verurteilung von Menschen

Wie ihr wisst, bin ich im Pietkongdelta Süddeutschlands aufgewachsen, wo sich seit Jahren eine massiv homophobe Stimmung hält. Von Aussagen, dass man nur durch Beten Homosexualität heilen kann, bis hin zur Aussage, wenn Kinder wissen, dass es Homosexualität gibt, dann würden sie automatisch homosexuell, kenne ich eine Vielzahl Äußerungen, die nicht nur menschenverachtend sondern nur schlichtweg ekelhaft sind.

Kein Mensch sucht sich seine sexuelle Orientierung aus – des Weiteren sind Homosexuelle keine potenziellen Kinderschänder. Genauso viele männliche, heterosexuelle Personen vergewaltigen Kinder – die Anzahl der weiblichen Täter ist hier noch weitgehend unbekannt. Doch eins ist erwiesen: Bei sexuellem Missbrauch – sei es von Kindern oder auch von Erwachsenen – geht es um Macht. Es geht darum, den anderen zu unterwerfen und ihm die eigenen Sexualität aufzuzwingen.

Wir finden rechte Parteien nicht gut, aber wir wollen Denkzettel verteilen

Zu Lasten Eurer Freiheit? Zu Lasten Eurer Rechte?

Spitzen Plan. Das nächste Mal nehmt doch einfach Spiritus beim Grillen wenn es mal wieder nicht richtig brennt und Mädels, lasst doch einfach die Haare offen.

Ich bin Pumuckel!

Seit meiner Kindheit liebe ich diesen kleinen anarchistischen Kobold. Beim Titellied singe ich textsicher mit und wenn die Wiederholungen laufen fühle ich dieses warme Gefühl von Glück und heimeliger Zufriedenheit. Die kleine, leicht chaotische Comicfigur, die Meister Eder manchmal mit seinen Streichen  an den Rand treibt, war mein Held.

Irgendwie fühle ich mich in dem ganzen Bedürfnischaos wie Pumuckel, denn täglich werde ich auf dem Weg zur Arbeit an meine scheinbaren Bedürfnisse, Deutschsein, paranoides Sicherheitsdenken und die Angst davor, dass mir jemand etwas wegnimmt. Man wird nahezu zu einer Art kollektiven Paranoia gezwungen, bei der man Angst und Panik bekommt, nur wenn jemand auftaucht, der scheinbar fremd ist.Wir hatten vor Jahren einmal das Unwort „Neidkultur“ und genau das ist das, was momentan versucht wird, zu vermitteln.Unter Lafontaine war es der Neid auf ökonomisch besser gestellte Personengruppen, heute sind es die Ärmsten der Armen. Es werden dabei Harz IV- Empfänger_innen, Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten und andere sozial schlechter gestellte Menschen gegen Flüchtlinge ausgespielt – und das sehenden Auges. Mit welchem Ziel?

Eine Partei, die scheinbar aus Akademiker_n_innen besteht, die aus einer sozial höher gestellten Schicht stammen, versammelt das Prekariat hinter sich, um sie unter Berufung auf das einzige, gruppenkonstruierende Merkmal, das sie alle gemein haben, nämlich eine Angst vor dem Fremden – also allem, was nicht deutsch ist – zu vereinen.So schafft sie sich die Möglichkeit über andere Macht auszuüben, getragen vom Gedanken, an eine eigene Identität – was auch immer das sein mag.

Genau hier kommt mein kleiner, rothaariger Kobold ins Spiel. Pumuckel ist in diesem Punkt anarchisch, denn er sieht sich dem Meister Eder als ebenbürtig an. Sein Selbstverständnis – hebt man den Meistertitel des Schreiners auf eine philosophisch, leitende Ebene – ist gleichberechtigt. Er zwingt den Meister dabei, sich auf seine Augenhöhe zu begeben, wie es Kinder oft tun und emanzipiert sich damit von seiner Rolle als Kobold. Statt also für ihn zu sprechen, was ihn durch seinen Titel ja durchaus dazu legitimieren würde, über den Kobold zu bestimmen. Das kann er aber nicht, weil Pumuckel die Macht über sich selbst innerhalb des wahrheitsschaffenden Diskurses hat. Pumuckel agiert also im Sinne Foucaults und destruiert bisherige gesellschaftliche Hierarchien und Machtkonstrukte. Pumuckel ist super, weil er tut, was jeder emanzipierte Mensch tun sollte, sich nämlich nicht von Titel leiten lassen. Wir lassen mal bewusst außen vor, dass der alte Schreiner ein liebenswerter Mensch ist, der den Kobold mag.

Wir sollten mehr wie Pumuckel sein, wenn es um hierarchische Machtberhältnisse geht. Pumuckel neckt, Pumuckel versteckt was weg und das sollten wir auch tun, wenn wir uns nicht entmündigen lassen wollen. Vor allem nicht, von Herrn und Frau Prof. Dr. Selbsternannte Authorität. Dabei meine ich nicht, dass man vandalistisch durch die Straßen ziehen sollte, sodern vielmehr Dingen mit Ironie begegnen sollte. In dem Sinne: Hurra hurra!

 

 

Das literarische Solo

Giuseppe Tomaso di Lampedusa – Der Leopard

Leopard

Erstausgabe: 1958
Epoche: Moderne/ Postmoderne

Inhalt:

Das Haus Salina ist ein rennomiertes sizilianisches Adelsgeschlecht. Ihm steht der alternde Patriarch Don Fabrizio der Fürst von Salina vor. Gemeinsam mit seiner kränklichen Ehefrau und den Kindern lebt er im Italien der Revolution 1860. Sein Neffe Tancredi (in der Verfilmung von 1963 durch Lucino Visconti grandios von Alain Delon verkörpert) ist dabei Hoffnungsträger des Fürsten und aufsteigender Machtmensch zugleich.

Kritik:

Wer das moderne Italien mit seinen Berlusconis, Politskandalen und einer hochgradig heterogenen Gesellschaft verstehen will, sollte dieses Buch lesen. Denn es zeigt, wie die von den Habsburgern geprägte Monarchie, basierend auf einer Kleinstaaterei und deren Fürsten und Grafen von der Revolution um Garibaldi verändert wird. Spannend durch die persönlichen Verwicklungen und Schicksale des sizilianischen Hochadels.

Warum man es gelesen haben muss:

Wo Prunk und Armut Hand in Hand gehen, entstehen soziale Spannungen. Diese wirken sich bis heute in Italien und den Kulturen aus, die einen hohen Migrant_en_innenanteil an Sizilianer_n_innen haben. Um diese spannede Gesellschaft zu verstehen und Dinge nachvollziehen zu können, empfehle ich dieses Buch.

 

Daten:
di Lampedusa, Giovanni Tomaso: Der Leopard
Piper
352 Seiten

ISBN-13: 978-3492203203