Was die Leute von Dir sagen

Ich bin momentan ehrlich gesagt schockiert. Schockiert davon, wie mit Menschen umgegangen wird und mit welcher Verachtung andere meinen, über Menschen zu urteilen, die sie nicht kennen.

Ich habe mich in letzter Zeit mit der Zachäusgeschichte befasst und damit, dass Gruppen einzelne ausschließen, um sich selbst als gut und richtig zu definieren. Dass diese Geschichte älter als 2000 Jahre ist und sie heute noch immer diese Gültigkeit hat, finde ich erstaunlich, zumal Foucault es als zentrales Merkmal moderner Gesellschaften definiert hat.

Die Fügung, dass ich in einem geistlichen Seminar mit dieser Geschichte konfrontiert war und ich am Wochenende zuvor einen riesigen Eklat provoziert habe, weil ich mich nicht der Gruppe angeschlossen habe, als über jemanden hergezogen wurde, lassen mich grinsen. Gleichzeitig ärgert mich soetwas aber auch. Denn oft sind es diejenigen, die bereits aus Gruppen fallen, die Ausschließungsmechanismen nutzen. Auf die Geschichte als solche möchte ich aus Rücksicht auf die Beteiligten nicht eingehen. Einerseits zum Schutz, andererseits aber auch nicht, weil ich gerade keine Lust auf permanentes Gezicke von Menschen habe, die ich sowieso nicht mag und von denen ich seitdem eine noch geringere Meinung habe, als bereits vorher.

Googelt man Achtung und Respekt vor dem anderen, so findet man zahlreiche Publikationen. Man findet auch Ratgeber und Anweisungen – gleichzeitig geschieht wenig, denn es ist eine Frage der Haltung und dessen, von was wir uns leiten lassen. Dieses Leitbild steckt tief in uns, aber man kann es ändern. Das beginnt dabei, dass man sich fragt, wer man eigentlich ist und was einen zur eigenen Wahrnehmung von Konflikten und Positionen bewegt. Eigentlich eine einfache Kiste:

Möchte ich, dass ich mich selbst scheiße finde, wenn ich mich so verhalte?

Ok, dazu gehört sowas wie Reflexionsvermögen. Nicht-Pädagogen assoziieren damit irgendetwas zwischen vollkommenem Seelenstriptease und der Aufgabe eigener Bedürfnisse. Aber über sich Nachdenken hat einen ganz krassen Effekt: Man lernt sich selbst und das eigene Verhalten zu hinterfragen und auch, ob man etwas selbst vielleicht so auch erleben möchte, oder nicht.

Reflexion ist wie Jammern, nur in cool

Wer sein Verhalten nicht als normativ versteht, ist schon einmal näher an dem, was man Reflexionsfähigkeit nennt, ganz steil wirds wenn man sich selbst hinterfragt und sich eingesteht, dass es Dinge gibt, die man nicht mag oder einfach mit denen man nicht klar kommt. Ich hasse beispielsweise den belehrenden Superpädagogenton von Vollgaspestalozzis, die sich für hyperprofessionell halten und ständig einen Contest der Kompetenz veranstalten. Denn ICH habe MEINE pädagogische Freiheit. Meine Kollegin meinte neulich, dass ich alles, was mir in den Kram passt, in Worte fassen kann. Ja, das kann ich, aber ich musste es lernen – auch – meine Überzeugungen gegen Widerstände zu verteidigen und mich zu behaupten. Daher oft auch meine latente Abneigung gegen einen bestimmten Typus Frau, denn ich habe gelernt, mich zu prügeln, im Matsch zu wälzen und danach ein Bier zu trinken. Ich kann schlecht mit weiblichen Befindlichkeiten, denn ich konnte ein solches Verhalten nie ausbilden. Mein Vater und mein Bruder sind auf diesem Ohr taub und meine Mutter hasst es selbst. Ich wurde quasi semiweiblich sozialisiert, was weder bedeutet, dass ich auf Frauen stehe, obwohl mein Habitus darauf wohl Rückschlüsse ziehen ließe, noch dass ich mich sozial als Mann fühle. Ich mag eben nur keine Spielchen, weil es mir zu dumm ist. Konflikte regelt man in einer klaren, sachlichen Diskussion.

Ich bin ein guter Mensch

Wer mit einem solchen Selbstverständnis an Dinge/Menschen herangeht, dem unterstelle ich gerne mal einen Jesus-Komplex. Jesus-Komplex deswegen, weil ich davon ausgehe, dass Jesus zu den wenigen Menschen gehört, die bedingungslos lieben konnten und deswegen grundweg gut waren. Das ist aber kein Mensch – denn der Anspruch an sich wäre ja dann auch perfekt zu sein und sich nicht von niederen Instinkten leiten zu lassen und damit auch jeden Menschen bedingungslos liebend, wertschätzend und achtend zu behandeln. Das gelingt den wenigsten Menschen und vor allem keinen Feld-Wald-Wiesen-Wesen wie uns allen. Wir haben alle unsere Charaktereigenschaften, die sich jetzt nicht dafür eignen würden directement das Feggefeuer zu überspringen und ratzefatz zu Gott zu marschieren und ihm zu sagen: „Ey, Opex mach ma Platz, ich mach dat jetzt“.

Und selbst Jesus hat gezweifelt. Menschen, die nicht an sich zweifeln, hatten entweder keine eklatanten Scheiterungserfahrungen oder haben einen veritablen Sockenschuss. Wenn ich in meinem Leben noch nie gescheitert bin, dann habe ich eine wichtige Erfahrung nie gemacht: Aufstehen müssen und können. Unwichtiges und Wichtiges zu trennen und auch mal meine Bedürfnisse zugunsten einer Sache zurückzustellen, weil es immer klappte. Schule klappte, Ausbildung klappte, Job klappt. Super. Keine Brüche, keine Unebenheiten, immer nur die lineare Folge von Kausalitäten und Ereignissen – und dabei wenig Erfahrung damit, bei anderen mit Gefühlen wie Ohnmacht, Wut, Trauer, Überforderung und auch bedingungsloser Hilflosigkeit umzugehen. Denn wer scheitert, weiß, dass er verletzlich ist. Verletzlichkeit ist nichts schlechtes, denn genau dann weiß man, wo es Angriffspunkte für doe Machtausübung anderer auf einen selbst gibt. Irgendwann lernt man auch, dazu zu stehen. Und auch, Dinge zu ändern.

Ich dachte früher immer, ich hätte halt Pech und andere seien sowieso viel toller als ich. Irgendwann fragte ich mich, warum jemand etwas habe, was ich nicht habe. Aber mir wurde es zu anstrengend, mich zu vergleichen. So bin ich halt und das ist gut so, ist ein schöner Gedanke und ich mag ihn.

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