Laminatrix schreibt einen Essay

oder: Die Auseinandersetzung mit Textsorten der gymnasialen Oberstufe

Vorbemerkung

Eigentlich wollte ich das Aufsatzthemas einens Freundes von mir schnappen und zu einem Essay umarbeiten. Wollte heißt hier: Da die Klasse noch einen Aufsatz zu einem ähnlichen Thema schreibt, werde ich mich mal zurückhalten und mir stattdessen das Thema eines prämierten Schüleraufsatzes schnappen. Also Laminatrix Abitur 2.irgendwas.

Hierzu suchte ich mir die Themenstellung „Glück haben – glücklich sein“ aus dem Abi 2014 aus. Den Essay von 2006 habe ich leider nicht mehr gefunden, sollte aber insofern kein Problem sein, da ich demnächst meine ganzen Deutschlehrerquellen nerven werde. So wie Doctor Strange…

 

Glück haben – glücklich sein

„Das Einzi[st sic!]ge, was sich verdoppelt, wenn man es teilt, ist Glück!“, so oder so ähnlich prangt dieser Satz in meinem Poesiealbum aus der Klasse 3, verfasst in klecksig-krakeliger lamyfüller gezogener Kinderschrift. Diese Botschaft war scheinbar, neben „lebe glücklich, lebe froh, wie der Mops im Haferstroh“ einer der pholosophischen Basic- Dauerbrenner meiner Kindheit.

Immer wieder stößt man auf die Begriffe Glück und dem daraus abgeleiteten glücklich. In seiner etymologischen Bestimmung ist es aus den mittelhochdeutschen Begriffen für leicht und gelingen zusammengesetzt. Glück beinhaltet tatsächlich das leichte Gelingen der Dinge, es bedeutet schnelle Hochstimmung und gleichzeitig eine langlebige Zufriedenheit. Glück ist flüchtig und wenn man es zu fest zu halten scheint, verfliegt es wie ein Parfüm oder Rauch. Doch wir alle scheinen danach zu streben, was wir selbst als Glück definieren, was ziemlich paradox ist, denn Glück ist nichts mit einer universellen Definition wie Autoreifen, Stricknadeln oder Reizhusten.

Der Begriff „Glück“ gehört zur Klasse der Abstrakta, also Nomen (oder wie wir 2004er Bildungsplankinder noch sagen: Substantiven), die abstrakt sind und daher auch einer gewissen Deutungsoffenheit unterzogen sind. Glück ist vielfältig, vieldimensional und hochgradig indivinduell. Noch schwieriger verhält es sich damit, wenn man dieses Nomen in flektiert betrachtet. Glück haben, bedeutet, dass man verdient oder unverdient, doch zufallsbedingt etwas geschafft hat. Glücklich sein ist hingegen der innere Zustand der Glückseeligkeit – egal ob für längere oder kürzere Zeit.

Lebenskonzept Glück?

Meine Mutter erzählt mir immer wieder von einer jungen Frau, die in einer etwas schwierige Ehe mit einem etwas cholerischen Mann lebte, aber zur Oberschicht ihres sozialen Milieus gehörte. Jedes Mal, wenn meine Mutter fragte, wie es ihr gehe, kam der Satz: Wir sind glücklich. Sicherlich hatte sie mit der Eheschließung und dem Zugang zu einer exklusiven Welt Glück gehabt – von außen gesehen. Aber war sie deswegen glücklich?

Wer im Lotto gewinnt, hatte Glück mit seinem Glückslos, doch derjenige kann zutiefst unglücklich sein. Denn der Begriff der Glücklichkeit ist sowohl mit Zufriedenheit als auch mit dem viel gepriesenen inneren Einklang in Verbindung zu setzen.

Wir streben alle unentwegt nach Glück. Doch wir müssen es selbst definieren und diese Definition muss jedoch der gesellschaftlichen Perspektive auf Glück entsprechen, sonst ist man es in den Augen anderer nicht. Kann ein Harz 4- Empfänger also nicht glücklicher sein, als ein Arbeitnehmer mit einem Netto- Monatsverdienst von 5500 Euro. Ja, das kann er. Denn wenn Beziehungen, Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns oder ein hohes Stresslevel dem entgegen stehen, nutzen einem vermeidliche Insignien des Glückes nichts.

Geteiltes Glück ist doppeltes

Geht man von einer total altruistischen Welt aus, dann ja. Doch das Glück des Einen ist immer mit dem Unglück des anderen verbunden. Man nehme hier mein ehemaliges Ausbildungsfeld: Nach einer Lehrprobe kam eine Referendarin ins Lehrerzimmer und meinte, naja ich habs bestanden, war zwar schlecht, aber ich hatte Glück. Einige Stunden zuvor hatte eine andere die Prüfung nicht bestanden, die aber laut dem Lehrbeauftragten besser als diejenige war, die bestanden habe. Grund dafür war, dass er an diesem Tag den Wert X bereits durchfallen gelassen hatte. Also hatte die eine Referendarin Glück gehabt, die andere Pech.

Dieses Gegensatzpaar ist insofern interessant, dass noch immer der Gedanke aus den grimm’schen Märchen vorherrschend zu sein scheint. Wer nicht arbeitet, hat Pech und derjenige, der hart arbeitet, hat Glück im Leben. Dabei verhält sich doch sowohl das Glück, als auch das Pech eher wie die Baba Jaga, als wie Frau Holle, die gerecht wie sie zu sein scheint, das Glück und das Pech auf die beiden Mädchen verteilt.

Glück ist launisch, unberechenbar und kann sich im einen Moment auf den anderen gegen einen entscheiden. Doch man kann beeinflussen, ob man glücklich ist, indem man selbst Dinge für sich als relevant beachtet. Einem Scheitern kann die Option nach Glück innewohnen und dem scheinbaren Sieg den Weg ins Unglück. Doch unser Paket, das wir vom Schicksal aufgeladen bekommen haben, können wir nicht ablegen, aber wir können uns selbst daran abarbeiten, mit der eventuellen Option, danach glücklicher zu werden, als in dem Moment, in dem wir es abgearbeitet haben.

Der Weg ist das Ziel – auch beim Glück

Wer vieles durchgemacht hat, weiß, wie er sich seinen Weg suchen muss. Auf diesem Weg werden wir immer wieder dem Glück oder dem Pech begegnen, diesem launischen Ding. Doch wer in seinem Leben ein gewisses Maß an Pech und Unglück erlebt hat, lernt positive Momente, wie ein Lächeln, eine kleine Geste oder einen schönen Zufall für sich zu schätzen.

Gestern saß ich mit einem Bekannten zusammen und er erzählte mir von seinem Hund. Er war im Glück und ich war froh, dass ich diesen Mann, der vieles mitmachen musste, glücklich sah. Das erfüllte mein Herz mit Wärme. Ich freue mich gern für andere und das lässt mich auch glücklicher sein – zumindest für einen Moment. Glück kann der flüchtiger Moment der Zufriedenheit sein und das Schöne an Glück ist, es ist nichts Materielles. Denn wenn man sich allein und nicht wertgeschätzt fühlt, dann nutzt einem der ganze Besitz nichts. Wenn man selbst wenig hat, glaubt man oft, man sei mit mehr Besitz oder in anderen Lebensverhältnissen glücklicher, doch ist man das wirklich? Jeder Mensch braucht andere Dinge und wieso soll es das ultimativste Glücksgefühl für mich sein, Mutter zu werden, wenn das zwar viele liebe Freundinnen von mir behaupten, ich es für mich aber so noch nicht festgestellt habe. Glücklichsein ist individuell, Glück ist flüchtig, aber es kann zum Gefühl des Glücklichseins beitragen.

Glücklichkeit lässt sich nicht erzwingen oder gar mit Rezepten aus dem Poesiealbum erlangen. Glücklichkeit ist dieses warme, heimelige Gefühl, das Gefühl von Geborgenheit und Freiheit. Das Gefühl zu wissen, dass man selbst richtig ist und sein Bestes gegeben hat. Ob man dabei Glück hat, ist von der unsteten Glücks-Wetterhexe anhängig. Denn Glück kommt auch oft genug im hühnerbeinigen Häuslein daher.

baba-yaga

 

 

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