Hilfe, ich muss mein Ref abbrechen

 

Diese Entscheidung bedeutet für viele, ihren Lebenstraum abzuhaken. Denn Lehrer_in zu werden bedeutet auch, sich auf ein anderes Leben einzustellen, wie es die meisten führen. Man entscheidet sich in aller Regel sehr bewusst dazu, Kinder unterrichten zu wollen. Leider ist es oft so, dass man das, was man dann will, durch Gutachten und doch oftmals recht subjektiv geprägte Eindrücke von Mentor_en_innen, Schulleiter_n_innen und Seminarlehrbeauftragten aufgeben muss. Sich nach einem Lehramtsstudium etwas Neues zu suchen und aufzubauen, ist allerdings hart.

Wir sind nicht alle die Stings, J.K. Rowlings oder Thomas Gottschalks, die eine fulminante Karriere nach dem Niederlegen eines Berufs im Lehramt starten. Doch wer abbricht, sollte sich darüber im Klaren sein: Man ist nicht allein mit diesem Schritt. Wir sind in meiner Firma fünf – also gut ein Drittel der Belegschaft, die sich umorientiert hatten und im sozialen Bereich finden sich immer wieder ähnliche Biografien. Trotzdem ist das Hinschmeißen aber auch das Hinschmeißenmüssen ein harter, um nicht zu sagen, traumatisierender Schritt.

 

Was bewegt Menschen dazu, das Lehramt hinzuschmeißen

Es gibt eine Reihe von Faktoren. Oft sind es fachliche Defizite, die Anwärter_innen aufweisen und die dazu führen, dass sie aus dem System Schule ausscheiden wollen. Doch nicht nur. Oft ist es auch das System selbst, denn viele – gerade Geisteswissenschaftler_innen – haben Probleme dabei, sich hierarchischen Strukturen unterzuordnen. Ebenso ist es bei älteren Referendar_en_innen oft zu beobachten, dass diese Probleme mit ihren Mentor_en_innen haben, da unterschiedliche Auffassungen von Unterricht herrschen. Vor allem die Konstellation eines recht jungen Ausbilders und eine_r_s lebenserfahreneren Anwärter_s_in führen oft zu Konflikten im Ausbildungsverhältnis. In Kombination mit Rektor_en_innen, die sich bedingungslos vor, hinter und über Mentor_en_innen stellen, kann es sehr schnell sehr eng für Referendar_e_innen werden.

Zudem kommen oft Situationen, in denen drei erfahrene(re) Lehrkräfte (Ausbilder, Rektor und Seminarlehrkraft) gegen d_ie_en Referendar_in stehen, da diesem durch verschiedenste Konstellationen, die ein Dilemma bereits beinhalten, was die Lage de_s_r Anwärter_s_in noch erschweren. Hinzu kommen oft Gesprächsführungsstrategien, die einschüchternd und wenig wertschätzend sind. Nach vielen Gesprächen mit gescheiterten Anwärter_n_innen – und zugegeben auch durch meine Biografie – wurden vor allem extrem direktive Aussagen und ein geheucheltes Verhältnis auf Augenhöhe als ausschlaggebend für einen Abbruch genannt.

 

Ich (muss) kündige(n) – was nun?

Erst einmal: Scheiße gelaufen. Man muss sich binnen kürzester Zeit neu orientieren, das eigene Selbstwertgefühl irgendwie wieder aufbauen und schauen, dass man etwas findet, womit man sein Geld verdienen kann. Denn was die meisten Lehrbeauftragten, Ausbilder_innen und Rektor_en_innen irgendwie nicht zu verstehen scheinen: Man wird mit voller Wucht emotional auf die Erde gepfeffert, was einen einerseits therapiebedürftig, andererseits aber auch in Anbetracht von Zeitdruck dazu veranlasst, schnell weitreichende Entscheidungen treffen zu müssen. Drei Monate Kündigungsfrist ohne beendete Ausbildung in einer extrem schmalen Nische befeuern Selbstzweifel. Aussagen von Rektoren, die tröstend wirken sollen, verfehlen ihr Ziel oft und man ist geräderter als vorher. So hart es klingt, man muss beginnen, sich selbst an den Haaren aus der Scheiße zu ziehen.

Hilfreich sind daher oft Berufsberatungen beim Arbeitsamt. Auch Tests zur Bestimmung des eigenen Begabungsprofils können helfen, zumindest eine Richtung für sich zu finden. Kommen dann noch rechtliche Geschichten, wie Formfehler, fehlende Gutachten oder Härtefallregelungen hinzu, wird diese sowieso schon belastende Situation zur Qual.

Mein Studium ist also wertlos

Auch wenn es einem oft nicht klar ist, man hat etwas in der Hand. Leider wissen das zukünftige Arbeitgeber nicht. Deswegen sollte man sich vom Kultusministerium den eigenen Abschluss als gleichwertig mit anderen pädagogischen im Rahmen des Europäischen oder Deutschen Qualifikationsrahmens anerkennen lassen. Das Staatsexamen Lehramt für Grund- und Hauptschule in Baden- Württemberg ist beispielsweise mit einem Bachelor gleichwertig, ein Examen für das Lehramt Realschule ist sogar von den Creditpoints her noch etwas höherstehend.

Allgemein kann aber davon ausgegangen werden, dass ein Studium mit einer Regelsemesterzahl von sechs Semestern und 30 CPs mit einem Bachelor gleichzusetzen ist, wobei je nach Semesteranzahl auch die Anzahl der CP steigt.

Macht euch außerdem nicht kleiner als ihr seid. Allein durch Nebenjobs erwirbt man auch Qualifikationen, die einen attraktiv machen. Wer beispielsweise Ferienfreizeiten geteamt hat, hat eine wichtige Ressource im Umgang mit Kindern oder Jugendlichen. Auch ein FSJ/FÖJ sind oft hilfreich, um eigene Qualifikationen zu untermauern. Dasselbe gilt auch für Ehrenämter.

Mit dem Staatsexamen hat man zudem die Möglichkeit, einen Master auf das Studium zu setzen. Hier einfach an den jeweiligen Unis nachfragen.

Ebenso sind abgebrochene Lehrer durchaus für Unternehmen attraktiv. Denn man hat Ressourcen, die einem nicht mal mehr die biestigsten Lehrbeauftragten, Rektor_en_innen oder Mentor_en_innen nehmen können: Ihr habt einen fachlichen Abschluss in Euren Fächern und in Pädagogik/ Psychologie. Das macht einen vor allem für die Wirtschaft attraktiv. Hier sollte man sich insofern gut verkaufen, dass das schnelle, zielgerichtete Erarbeiten und Präsentieren von Inhalten wichtig ist – auch für Unternehmen.

Wenn einen das Unterrichten nicht los lässt, dann hat man auch die Möglichkeit, an eine Privatschule auf Angestelltenbasis zu gehen oder in anderen pädagogischen Feldern, beispielsweise bei freien Bildungsträgern Fuß zu fassen. Ich habe beispielsweise Politikwissenschaft studiert und arbeite nun unter anderem in der politischen Jugendbildung. Eine Bekannte von mir ist bei einem Autobauer in der Verwaltung und sie meint, dass ihr das Germanistikstudium wichtige Kompetenzen vermittelt hat, was die Korrespondenz mit Chefetagen erleichtert.

 

Gebt Euch nicht auf

Nachdem einem der gesamte Selbstwert geschreddert wurde, ist es hart, sich auf Neuland zu wagen, aber die Erfahrung nimmt Euch niemand. Ihr kennt die Situation, vor Tribunalen aus Rektoren und Lehrern zu stehen. Nutzt es für Euch.

Ihr könnt viel, ihr könnt Inhalte erarbeiten, Positionen vertreten und Dinge darstellen. Ihr könnt Gespräche führen, beraten und niederschwellige Angebote schaffen. Seid offen, geht offen mit dem Abbruch um, denn auch Scheitern ist wichtig im Leben. Und niemand nimmt Euch Eure Erfahrungen. Seid mutig, kämpft und lasst Euch nicht unterkriegen, denn auch die mieseste Lehreranwärterin des Landes Baden- Württemberg – im Ranking noch vor Gudrun Ensslin – hat nun die Perspektive, die sie glücklich sein lässt.

Sucht Euch weitere Betroffene, denn es gibt immer jemanden, der auch schon hingeschmissen hat. Fragt diese Menschen, holt Euch Ratschläge und zieht Euer Ding durch.

Da es einige in meinem Umfeld erwischt hat, kann ich von anderen Nischen berichten, wo sie untergekommen sind: Sei es die klassische Sozialpädagogik, Verwaltungslaufbahnen oder auch die freie Wirtschaft. Vom Chefcontroller, über die Personalchefin einer großen Firma bis hin zu Ausbildungsberater_n_innen oder Referent_innen bei karitativen Einrichtungen. Auch der Weg in die Psychotherapie ist möglich mit einem Lehramtsexamen. Ihr habt Optionen – nutzt sie.

Und selbst Marilyn sagte einst:

„Alles passiert aus einem Grund. Menschen ändern sich, damit du lernst loszulassen. Dinge gehen schief, damit du zu schätzen weißt, wenn es gut läuft. Du glaubst einer Lüge, damit du lernst, nur dir selbst zu vertrauen und manchmal bricht etwas Gutes auseinander, damit etwas Schöneres zusammenkommen kann.“ (Marilyn Monroe)

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