Eisberg, Du *Schimpfwort einsetzen*

Ich liebe es wie eh und je mit überambitionierten Pädagog_en_innen über Dinge zu diskutieren. Mein neuestes Highlight sind diejenigen, die Person und Verhalten trennen und dann meinen, dass sie Verhalten disziplinieren können.

Die Verhaltensavocado

Mit dem Verhalten und der Person ist es wie bei einer Avocado. Das Verhalten ist wie die Schale. Man kann zwar auf dem Verhalten herumdrücken, um die Haltung zu ertasten. Man spürt, ob es matschig, fest oder sonstwas ist, aber man weiß doch nicht, wie die Haltung aussieht. Über Verhalten kann man sprechen, es kritisieren und versuchen, es zu ändern. Doch es muss etwas mit der Haltung geschehen, dass dies möglich ist.

Man kann sich hier auch auf Freuds Eisbergmodell berufen, denn dieses besagt, dass sich das Sichtbare einer Persönlichkeit sich nur rund 1/8 der gesamten Psyche erschließt. Denn rund 7/8 sind etwas zu tiefst Vorbewusstes oder Unbewusstes. Wer also nur Verhalten kritisiert, kritisiert die Schale oder das eine Achtel. Er kratzt an der Oberfläche, ohne Reflexionsprozesse anzuregen, bzw. wenn er etwas anreget, dann nur eine Masse an Impulsen auf die Haltung bzw. die anderen sieben Achtel.

Eisbergmodell Ruch

Wenn diese Sache von Erfolg gekrönt sein soll, dann bedarf es eines stabilen Gegenübers, das sich außerhalb jeglicher Abhängigkeit vom Kritisierenden bewegt. Also ist das eine denkbar unglückliche Form der Kritik in Hierarchieverhältnissen. Denn der andere, um bei der Avocado zu bleiben, wird angeritzt und liegt dann völlig brach und wurde verletzt. Dass nun Haltung bzw. Vorbewusstes herausquillen kann und der Kritisierte damit völlig schutzlos ist, führt zu einer Umstrukturierung der Hülle. Dies hat wiederum zur Folge, dass der andere verletzt zurückbleibt.

Von der Deformation durch Macht

Durch diese Machthierarchie sind die Verletzungen von ihrem eigenen Heilungsprozess abgekapselt und es entstehen Deformationen. Man muss sich dies vorstellen, wie wenn man an einer Knieverletzung ständig den Schorf abkratzte und sich dann über Eiter und andere lustige infektiöse Nebenerscheinungen wundert.

Und wie am Knie Narben bleiben, bleiben sie auch auf der Seele des anderen. Als Erwachsener kann man sich evtl. noch davor schützen, wenn dies nicht im eigenen Hierarchieverhältnis erlebt. Anders ist es bei Kindern. Greifen Pädagogen auf solche Mittel und koppeln dies mit Bestrafungen, entstehen Deformationen, die sich nicht zuletzt durch massive psychische Belastungen äußern. Interessant ist dabei, wenn dies aus einer Haltung heraus geschieht, die mehr als zweifelhaft ist, und wenn Sippenstrafen angewandt werden.

Mittlerweile scheinen solche Programme probates Mittel zur Machtausübung gegenüber Kindern zu sein. So wird munter kollektiv für das Fehverhalten eines einzelnen in der Gegend herumgestraft, nur um der Gruppe als solche die Konsequenzen aufzuzeigen und sich struktureller Machtmittel innerhalb einer Gruppendynamik zu bemächtigen.

Fehler gehören bestraft

Wer Fehler macht, sollte die Chance haben, sie einzusehen. Das besagt zumindest das humanistische Menschenbild. Wer Fehler macht, sollte auch die Konsequenzen seines Handelns tragen. Allerdings sollte man dringend von Kollektivstrafen abraten. Ich war einmal fast Opfer einer solchen. Im Herbst 2003 schüttete ein ehemaliger Mitschüler (damals Klasse 9) ein halbes Pfund Zucker vom Elternabend in einem Filmprojektor. Da es unser Klassenzimmer war (Klasse 10), waren wir es. Wir hatten wochenlang Stress mit unserer Rektorin, bis die ehemalige Klassensprecherin es aus einer Mitschülerin herausbekam. Ich hätte beinahe keine Klassenfahrt nach Berlin gehabt (im Zuge dessen keine seltsam gefärbten Haare und keine Stylingberatung mit bordeauxfarbenem Lidstrich). Und ich hätte den Typen beinahe gelyncht.

Noch schlimmer ist es, wenn es tatsächlich Sippenhaft in der eigenen Klasse gibt. Denn dann ist derjenige – und wenn es nur Schwätzen war – in einer Dilemmasituation und ist freigegeben zum Mobbingabschuss. Sehr pädagogisch, wirklich.

In dem Sinne: Wer bist Du, Lehrer? Pädagoge? Didakt? Diktator? Löwenbändiger? Opfer des Unterbewussten? regelkonform?

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