Bäume anschreien und dieses Gefühl

Gestern verbrachte ich eine ganze Weile auf Landstraßen, rauchte zu viel und hörte die neue Single von Adele in Dauerschleife, weil ich an einem Ort war, den ich liebe. Denn ich stand an Deinem Grab. Du warst wie ein Großvater, hast mir die Knie verbunden und mich damals auf unseren Familienwanderungen getragen, wenn ich nicht mehr laufen konnte. Ich hätte Dich noch mindestens zehn Jahre gebraucht, denn Du warst prägend – in vielem, was Du getan hast. Du warst unbeugsam, mutig und standest zu dem, an was Du geglaubt hast. Du warst mehr als mein Lieblingsonkel, Du warst wie mein Opa, weil ich keinen hatte. Damals, irgendwann in den Fünfzigern hat mein Opa die Rolle Deines Vaters übernommen und Du warst immer der große Bruder meines Vaters. Später, als mein Bruder und ich dann auf der Welt waren, hast Du sie uns gezeigt. Hast uns in Deinen Imkerwagen mitgenommen, mit uns die Klosterkirche in der Nähe erkundet und mir beigebracht, wie man Rehe erschreckt.

Und dann stehe ich in ekelhaft kaltem Winterklebewetter irgendwo im Nirgendwo auf einem Friedhof, durchgefrohren und müde. Ich war heimlich über den Zaun des Friedhofs geklettert, um Dein Grablicht anzuzünden und doch war ich zu feige, bei Deiner Frau zu klingeln und ihr zu sagen, dass Du fehlst. Dass ich Dich vermisse und dass Du mir noch immer wichtig bist, auch wenn es Dich nicht mehr gibt. Denn ich bräuchte Dich heute mehr, als je. Bei Dir wusste ich, dass ich Dir alles sagen konnte, dass Du mich nie reingehängt hast, auch wenn ich Scheiße gebaut habe.

Jetzt sind es 20 Jahre, dass Du nicht mehr da bist und bald werde ich dieses vermaledeihte Licht nicht mehr anzünden können. Dafür habe ich Deine Nichte durch meinen Job gefunden. Du hast sie nie kennengelernt. Aber verdammt, sie ist wie wir. Sie sieht Dir sogar ähnlich und ja, sie ist genauso. Wir rasseln regelmäßig aufeinander, sind in ähnlichen Situationen gehässig und irgendwie sehe ich Dich in ihr wieder. Du fehlst mir. Deine Ratschläge, Deine bösen Sprüche und Dein schwarzer Humor. Aber ich werde immer an Dich denken und genau jetzt weiß ich, was Du sagen würdest: „Schluss mit der Gefühlsduselei und Kopf hoch, dann sehen sie wenigstens, dass der Hals dreckig ist und Du kein Doppelkinn bekommst.“

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