und wenn das Glöcklein klingt…

Kritisch zu sein ist gut, brachte mir einst einer meiner Lehrer bei. Damals weit über 60, Politologe und Germanist, ein Mensch, der mich Quellen lesen ließ und auf den damals neu erlassenen Bildungsplan 2004 ordentlich pfiff. Zwölf Jahre ist dieser Plan nun alt und in Baden- Württemberg änderte sich nicht nur das Schulsystem, sondern auch die Charaktere, die es produzierte.

Kompetenzen, ihre Stufen und der Kram drumherum

Ich habe diesen Plan nur zwei Jahre als Schülerin erlebt. Die Rückreform des Abiturs war glücklicherweise schon zwei Schuljahre vor mir in Kraft gesetzt, denn sonst hätte ich es wahrscheinlich nicht bestanden. Das, was ich damals als notwendiges Übel empfand war im Studium und im Referendariat mein Handwerkszeug. In diesen Jahren entwickelte sich das bildungspolitische Schlagwort der Kompetenzorientierung – entlehnt aus der Wirtschaft – für viele Kinder und Jugendliche zum Damoklesschwert.

Statt Inhalte zu lehren, sollten nun Methoden und Strategiern den Schüler_n_innen beigebracht werden, die sie dazu befähigen, als Arbeitnehmer_innen zu funktionieren ähm zu agieren. Ich nehme nun Bezug auf Reusser und dessen Zitate:

Kompetenzorientiert unterrichten heisst, nicht nur an den Stoff zu denken, sondern […] dezidiert danach zu fragen: «Was will ich eigentlich machen? Warum mache ich das? Was soll bei den Schülerinnen und Schülern hängen bleiben?»;also nicht einfach: «Jetzt nehmen wir die Römer durch», sondern:«Was sollen die Schülerinnen und Schüler – fachlich und überfachlich – lernen, wenn wir uns mit den Römern beschäftigen?»

Dieser Ansatz ist gut und wichtig, leider wurde er oftmals nicht verstanden. Dem allem sollte der Gedanke zugrunde liegen: „Was brauchen junge Menschen, um mündig zu werden?“, „Wie können Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zu Bürger_n_innen heranwachsen, die in der Lage sind, ihren Alltag, dessen Anforderungen und besondere Situationen dessen zu bewältigen? Doch Inhalte sind hier ebenso wichtig, wie Strategien und Methoden. Was also nutzt es eine_r_m Schüler_in, wenn er oder sie nicht dazu in der Lage ist, sich fundiert eine Meinung zu bilden, aber dafür perfekt ein Gruppenpuzzle zu vier Texten zum Thema: „Die Perrücken Ludwigs XIV“ in jedlichen stochastischen Kombinationen durchführen zu können, wenn es am Ende der Besprechung nicht einmal die Möglichkeit der Diskussion gibt, weil alle Schüler_innen das identische auf den Aufgabenblättern stehen haben.

Wer in der Jugendbildungsarbeit unterwegs ist, weiß, dass viele Jugendliche mit grandiosen Abituren einerseits völlig problembelastet sind, andererseits aber auch Dinge, die man unter einem Weltwissen subsummieren würde, nicht wissen, kennen oder nachvollziehen können. Emotionale Bildung, Empathie und Werte, wie Achtung vor einem anderen können scheinbar so nicht umgesetzt werden. Natürlich ist das eine Baustelle der Eltern, aber nicht nur.

Standardisierung, Effektivisierung und Normierung

Denn längst sind Eltern auf den Zug der idealen Ausbildung des Kindes aufgesprungen. Zwischen dem Zwang, zu leisten, sich zu zertifiziern und Kompetenzen zu zeigen, verkümmert das, was man Mündigkeit nennt. Zur eigenen Entwicklung brauchen Menschen Erprobungs-, Lern- und Entwicklungsfelder. Doch diese wurden leider wegstandardisiert. Wer einst eines dieser schwierigen, kritischen und rebellischen Kinder war, würde heute wahrscheinlich seine Existenz in einem Auszeitzimmer verbringen, statt im Klassenraum. Denn statt Diskussionen, die den Zeitdruck in der Schule noch erhöhen würde, läutet man lieber ein Glöckchen und d_er_ie Schüler_in muss sich nun an eine Ruheregel halten. Das alles, um die Gesellschaft vor subversiven Individuen zu schützen.

Zucht, Ordnung und Pünktlichkeit – aber ja nicht drüber nachdenken

Momentan sind eine Menge von Programmen an Schulen impliziert, die den Kindern und Jugendlichen gesellschaftsrelevante Werte beibringen sollen. Das sind unter anderem: Pünktlichkeit, Ordnung und alles andere, was Lehrer_innen, Schulleitungen und sonstige bildungspolitisch wichtige Menschen denken. Doch leider werden eben Punkte wie Mündigkeit, Empathie und Respekt vergessen. Da hilft es auch nicht, Zehntklässler Bilder von KZ- Opfern zu zeigen, auf dass sie ihre empathische Kompetenz schulen.

 

Diesen Artikel widme ich zwei Junglehrern, die gerade verzweifeln. Die eine, weil Hirnhupen Stellen bekommen, die sie überfordern und der andere kämpft mit dem Bildungsplan. Stay strong 🙂

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One thought on “und wenn das Glöcklein klingt…

  1. AHA!!!! Und ich dachte schon wieder, ich bin allein auf weiter Flur* – danke! – >vor allem nach einer Konferenz letzte Woche mit meinen frisch eingestellten Kolleginnen, Thema „Bildungsplan 2016“ – die sind so verdammt stromlinienförmig und haben keine eigene Meinung mehr *haarerauf Da werden Worthülsen unhinterfragt übernommen und to do Listen unhinterfragt abgehakt, und alles, was „out of the box“ ist, ist zu unbequem, zu viel, überfordernd 😦 Danke für die Möglichkeit eines mimimis meinerseits.

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