Glück, Pläne und was die Welt daraus macht

Ich habe hier einen interessanten Artikel gefunden, der einen Zusammenhang zwischen Depression und der Moderne herstellt. Nach dem Lesen dieses Artikels habe ich mir so meine eigenen Gedanken gemacht…

Neulich war ich unterwegs und traf einen ehemaligen Bekannten, der jetzt eine Führungsposition bei einer Firma hat, die irgendetwas macht, was ich nicht nachvollziehen kann. Ich kommentiere das jetzt aber nicht weiter, sonst würde es gemein werden. Ich erinnerte mich aber an eines der obligatorischen „was-machst-du-nach-dem-Abi“-Gespräche, bei dem ich ihm erklärte, dass ich ein FSJ machen wolle. Er schüttelte den Kopf und meinte, dass ich mich nicht mit Assis abgeben solle. Hier lagen also zwei höchst unterschiedliche Lebensentwürfe vor. Ich, die heute noch mit freier Wirtschaft und Kapitalismus fremdet und er, der mit dem sozialen Arbeitsfeld seine Probleme hat. Nach dem Gespräch neulich mit ihm, ging es mir so: Wir sind jung, schön und sollten erfolgreich sein. Was diesen Erfolg darstellt, kann ich nicht mal so genau sagen, denn das, was wir als Erfolg wahrnehmen, ist subjektiv.

Mir fiel dieser Artikel ein, der den Zusammenhang zwischen Lebensentwurf, Entscheidungsoptionen der Moderne und einem gewissen Funktionsdruck deutlich macht. Früher gab es je nach sozialer Schicht, Herkunft und Region, in der man aufwuchs, eine begrenzte Anzahl an Optionen. Dass man an diesen scheitern kann, beweist nicht zuletzt die historische Romanfigur Hans Giebenrath von Hermann Hesse. Früher war man in der schwäbischen Provinz etwas Besonderes, wenn man Pfarrer oder Priester wurde, ansonsten wählte man den Beruf des Vaters oder des Onkels. Für Frauen stellte sich diese Option nicht in diesem Maße. Entweder man wurde Erzieherin, Krankenschwester, Fräulein vom Amt, Nonne oder man heiratete. Selten konnten Frauen studieren. Heute ist es anders. Man hat schon nach dem Abitur viele Optionen, was man studiert, wie man sich spezialisiert und was aus einem wird. Je nach Geldbeuteldicke der Eltern und dem eigenen Dusel bzw. Willen kann man dann das tun, bei dem man glaubt, es sei das Richtige und wenn dann noch die Professor_en_innen mitspielen ist man ganz toll qualifiziert. Nun beginnt das Bewerben, bei dem man dann eine Stelle finden muss, die einem passt, die nach fünf Jahren wegen Aufstiegsmöglichkeiten gewechselt werden muss und das in einem möglichst flotten Turnus. Dann ist man ein gemachter Mensch. Formell.

Wie es wirklich ist…

Gut ausgebildet steht man da und muss sich Vergleiche gefallen lassen. Man muss genügen und gut genug sein. Das belastet. Nicht jede_r hat den Dusel, den ich hatte, dass ich beim ersten Vorstellungsgespräch überzeugt habe, denn irgendwann nagt das Suchen nach einem Beruf und der dementsprechenden Berufung am Ego und den Nerven. Irgendwann merkt man, dass die Ziele, die man sich gesteckt hat, nicht das sind, was man dann bekommt.

Glücklich nur dann, wenn andere es achten

Geld ist hier einer der Indikatoren, die scheinbar dafür gelten ob und wie glücklich wir sind. Dabei ist es unerheblich, ob man wirklich welches hat – man zeigt es gern. Ich war neulich in einem Schöner-Wohnen-Haus. Die Wände waren alle in einem unpersönlichen Cappuccino- Braun gestrichen und alle Geländer, Türzargen und Türen waren weiß. Überall waren Bilder (alle aus ein und derselben Bildertypologie) und überall standen Einrichtungsgegenstände, die völlig auf einander abgestimmt waren. Ich war noch nie an einem solch unpersönlichen Ort. Mir ging es in diesem Moment so, dass ich nicht nur irritiert war, sondern auch verwundert. Wenn sich der Drang en Vogue zu sein, sogar in der Einrichtung widerspiegelt, alles nur auf eine Außenwirkung angelegt ist, so auswirkt, dass sogar das Auto, das vor der Haustür steht, derartig im Stil des Interrieurs (auch cappucinofarben) ist.

Ja, ich gebe zu, mir ist sowas immer eher semiwichtig. Das letzte Mal, als ich mich mit Wandfarben auseinandergesetzt habe, war, als ich einen Kübel weiß kaufen musste. Mir sind solche Sachen immer etwas egal. Genauso, wie es mir egal ist, wie meine Hose sitzt, wenn ich einfach kurz zum Bäcker gehe.

Doch warum geben sich Menschen diesen Stress? Ist es der Drang, dazu gehören zu wollen? Oder zu müssen?

Gruppierungsstrategien

Ich finde es immer wieder witzig, was dann herauskommt, wenn man mit jenen Menschen spricht. Denn je nach Sozialisationsumfeld kommen spannende Dinge heraus. Ich nehme da gerne zwei Kolleginnen von mir. Beide sind Therapeutinnen. Die eine stammt aus einer sehr privilegierten Familie. Sie erklärt mir ständig, dass die Art und Weise, wie ich Konlfiktgespräche führe, unprofessionell sei. Ich versuche viel auf Beziehungsebenen und sie sagt mir ständig, ich verwende die falschen Verben. Ja, ich sage auch mal „war scheiße, gell?“ und das passt zu mir. Die andere gab mir mal ein anderes Feedback. Ihr merkt man die gleiche soziale Herkunft nicht an. Das Feedback war: „Ich würde das nicht so machen, aber man merkt, dass Du dabei authentisch bist. Du sagst es und suchtst nicht ständig nach Operatoren. Außerdem wissen die Leute bei Dir, dass „musch“ im Schwäbischen auch für können, sollen, müssen und sonstige andere Verben steht“.

Und je länger ich mich mit dem Dillemma meiner Generation auseinandersetze, desto mehr wird mir klar, dass wir alle einer bestimmten Prägung aufsitzen. Wir wollen den Lebensstandard unserer Elterngeneration haben, ihn halten oder sogar noch verbessern. Irgendwo dazwischen stehe auch ich. Nur ist es bei mir so, dass mir vieles nicht wichtig ist. Das musste ich aber auch lernen. In der Oberstufe war ich todunglücklich, dass ich nicht auf die coolen Partys im Stuttgarter Perkins Park kam, weil ich einfach keinen fahrbaren Untersatz hatte. Als es mal ging, saß ich todunglücklich im Park. Denn genau dort wurde Musik gespielt, die mir nicht gefiel und die Jungs, die sich mit mir unterhielten, wollten nur mit meiner Freundin fummeln. Quatscht man dann halt mal mit der pickeligen Alternativ- Freundin und dann geht das schon mit der anderen.

Aus dieser Zeit weiß ich, dass Anpassung nur in einem gewissen Rahmen funktionieren kann, der zwar individuell variabel ist, aber dieser Rahmen steht nunmal fest.

Heidi, Silvi und co sagen mir, wie ich glücklich werde

Doch dieser Rahmen wird beeinflusst durch das, was uns suggeriert wird, wie wir glücklich werden. Ich würde lügen, wenn ich da nicht anfällig wäre, wie es jede_r ist. Bei mir sind es oft kleinere Konsumprodukte, wie Bodylotions, aber auch Shampoos oder Ernährungsmittel, weil ich noch immer den Traum einer langen Lockenmähneeiner und einer schmaleren Hüfte hege. Ich weiß, dass es völlig bescheuert ist, denn weder meine Knochen, noch meine Haare kann ich beeinflussen. Aber ich wünschte, ich könnte es.

Ich schiebe es aber auch ein Stück weit auf dieses Phänomen, dass einem ständig suggeriert wird, dass man etwas haben oder darstellen müsse, was einen unglücklich macht. Es gehört jedoch zur Teilhabe unserer Gesellschaft, denn wäre dieses permanente Streben nach Glück und Anerkennung der Umwelt nicht vorhanden, hätten wir auch wenig soziale Kontakte. Die einzige Menschen, die sich dem entziehen können, sind da wahrscheinlich Yogis, die auf dem Berg wohnen, Eremitenmönche oder endogen kontaktgestörte Einzelsubjekte. Nur etwas weniger wäre auch nicht schlecht und vermutlich gesünder.

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