The Aryan Motherhood… Mein Kind, das goldene Kalb

Nicht unlängst beschwerten sich Menschen über die heutige Jugend. Keine Angst, sie ist nicht so schlimm, wie man glaubt. Es gibt sogar Exemplare, denen ich freiwillig Geld anvertrauen würde und bei denen ich mir sicher bin, sie würden es zumindest vergraben. Immerhin schon etwas.

Man beschwert sich des Öfteren darüber, sie seien nicht zuverlässig, leistungsbereit und nicht in der Lage, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Das mag stimmen, aber woran liegt es? Eltern kreischen, es sind die Lehrer. Nur frage ich mich, wenn ein Mensch nicht lernt, in Zusammenhängen zu denken, für sich einzustehen und Positionen zu vertreten, warum soll er es in der Schule lernen, wenn er ein ganz eigenes, geschütztes Erprobungsfeld hat, die Familie.

Doch anstatt dem Wunschkind Grenzen zu zeigen, Relevantes von Irrelevantem zu trennen und das Kind für sich selbst einstehen zu lassen, wird jener Kelch an die Schulen, Nachhilfelehrer und Ausbilder weitergegeben. Ganz so, als wäre es wichtiger, das eigene Kind zu einem Rennpferd zu erziehen. Zunächst einmal, ich kenne tolle Mütter. Die Mama eines meiner Saubandenangehörigen, mit der ich ab und an telefoniere, tritt ihn nicht, nervt mich nicht, sie fragt Dinge nach und wir reden miteinander – so geht es mir auch mit den meisten Mamas meiner Nachhilfekids.Allerdings gibt es auch die andere Kategorie. Diejenigen, die ihre Kinder mit 20 mit Burnout aus der Klinik holen müssen und denen man wünscht, dass sie einsam und verbittert in einem Pflegeheim sterben, wo ihnen das Essen im Blechnapf serviert wird.

Da ich alte Eltern habe, muss ich mich um sie kümmern. Meine Mutter hatte vor einigen Monaten einen lebensbedrohlichen Unfall, lag auf der Intensivstation und es war nicht klar, ob sie wieder diejenige sein wird, die sie war. Ich fand sie, verletzt, hilflos und ich hatte panische Angst um sie. Just 20 Minuten, nachdem der Sanka da war, wurde ich am Telefon von einem Vater angeschrien. Als ich versuchte, ihm zu erklären, dass meine Mutter gerade soetwas wie sterben könnte, kam die Frage, ob dann die Nachhilfestunde stattfinden könne. Neulich warf mir eine Mutter vor, ich könne nicht beurteilen, wie sie ihr Kind erzieht, warf mir aber vor, dass ich meinen Vater im Krankenhaus besuchte. Daher nun meine Ansprache.

Sie, diejenigen, die glauben, ihre Kinder sind etwas Besonderes. Sie lieben und sie achten, passen Sie gut auf sie auf. Seien Sie da, nehmen Sie die Rolle als Eltern wahr. Das heißt nicht, ihnen das Geld mit dem Kärcher in den Arsch zu pusten, sodass ihr Kind sich nur noch über die Auswahl der neuesten Konsumartikel definiert – oder noch schlimmer: Über Schulnoten. Ihr Kind ist mehr als die 3 im Zeugnis oder gar die 3-4. Aber wenn Sie das brauchen, dass Sie die Beziehung zu Ihrem Kind nachhaltig gefährden, dann hoffe ich, dass Sie zu dement im Pflegeheim sind, um diesen Schmerz zu verstehen. Sie werfen mir vor, ich hätte keine Kinder und könne deswegen nicht beurteilen, dass Ihre Beziehung für den Arsch ist? Richtig. Das geht nur mit Kind. Manchmal glaube ich bei einigen Müttern, dass sich während der Entbindung das Gehirn so weit komprimiert hat, dass das Vakuum nun auf den Rest Hirn drückt, der mal vorhanden war. 15 Jahre Jugendbildungsarbeit, 25 Nachhilfekinder, zwölf Klassen und über 70 junge Erwachsene sagen zwar etwas anderes, aber ok, ich bin pädagogisch den ganzen Arzthelferinnen, Bürokauffrauen und Köchinnen unterlegen, weil ich selbst nicht geboren habe. Ja, das ist so logisch. Ich meine, mein Frauenarzt hat auch keine primären weiblichen Geschlechtsorgane. Was erdreistet er sich, mich zu untersuchen und Diagnosen zu stellen?

Ich frage mich bei solchen Momenten immer nur, wie zur Hölle Menschen, die aus einem ganz anderen beruflichen Bereich stammen, Dinge beurteilen wollen, die sie selbst nicht in der Lage sind, zu beherzigen. Menschen, die glauben, ihr Kind sei das wichtigste, begabteste und wundervollste Wesen auf dieser Welt, obwohl es das nicht ist, wollen bestimmte Dinge nicht hören – ist mir auch klar. Das wäre ja auch unangenehm. Alle anderen seien gegen es und sie müssen sich verhalten, wie bescheuerte Glucken auf Speed. Sein Kind zu schützen, heißt nicht, es als unfehlbar zu sehen, sondern ihm zu helfen. Dafür braucht man kein Geld, sondern Zeit. Meine Eltern schafften es, mich ohne Nachhilfe zu einem Abitur zu bringen, dann zu meinen Examina und ich mich zu meinem Master. Dinge der Unmöglichkeit, oder? Ich hatte nie die neuesten Spielsachen, chicsten Klamotten und cool war ich auch nicht: Aber ich kann streiten, konstruktiv, wertschätzend, empathisch und einfühlend sein. Ich konnte meinen Schulstoff und weiß vieles heute noch, ich kann erklären, definieren, mich ordentlich anziehen UND Wahlplakate verstehen. Ja, ich war vielleicht ein Käpsele, aber ich musste selbst zum Käpsele werden und wurde als keines geboren.

Und zu der Aussage: Haben Sie Kinder, nein. Dann wissen Sie es nicht.

Mit welcher Dreistigkeit glauben eigentlich diese Weiber, nur weil sie gekalbt haben, seien sie zu irgendetwas fähig. Ich stelle mich doch auch nicht vor sie hin und meine: Haben Sie Abitur? Haben Sie sexuell übertragbare Krankheiten? Nein? Denn genau das wäre pietätlos, bei kinderlosen Frauen darf man das aber, weil man selbst geboren hat. Wie bescheuert ist man denn bitte, eine Frau auf die Fähigkeit des Gebärens zu reduzieren. Ok, wenn man das tut, dann ist man – genau dann –  eine sexistische, kritikresistente Wachtel. Es gibt Frauen, die können keine Kinder bekommen oder wollen keine. Oder sie halten es wie ich: Sie wollen ihren Kindern eine reife, reflektierte Mutter bieten. Hätte man da vielleicht auch erwarten können, aber zu blöd zum Verhüten war man dann wohl auch und man sollte sich überlegen, ob man statt den Grünen doch lieber die AfD wählt, die hält nämlich das Erbe der Aryan Motherhood wenigstens hoch.

Und an die anderen, reifen, reflektierten, entspannten Mamas: Euch mag ich trotzdem und zum Glück habe ich Euch als Beispiele, dass Familie nicht bedeutet im Schöner- Wohnen- Katalog zu leben, mit Daimler vor der Tür und Parfums im Regal, die zwar stinken, aber die man trägt, weil sie teuer waren, einer Illusion von Familienglück nachzueifern, die man nie hatte und nie erleben durfte, weil die eigene Mutter ein genauso kaltherziges, ehrgeizzerfressenes und liebloses Wesen war, wie man es jetzt selbst ist. Wir leben nicht mehr 1935- aber da hätte man es verstanden.

 

Darauf erstmal ein Frauengold…

Frauengold

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3 thoughts on “The Aryan Motherhood… Mein Kind, das goldene Kalb

  1. Neulich habe ich anlässlich solcher Eltern sinniert, ob da ein Zusammenhang besteht zwischen den selbsternannten „Rabenmüttern“ die öffentlich und mittlerweile als ganz eigene community „bereuen, geboren zu haben“ und genau dieser deiner beschriebenen Einstellung zum Elternsein. Möglicherweise steckt da auch eine ganz besondere Art der Beziehungsstörung zu anderen Menschen dahinter, die nur noch in Kategorien des „Etwas Hinein-Investierens“ (Geld, Zeit, Zuwendung) in ein Renditeobjekt denkt. Zuwendung als berechnende Investition halte ich überhaupt für obszön. Den Kindern wird später dann vorgeworfen, man hätte sich ja für sie aufgeopfert und ihnen alles geboten – dabei wurde das Kind die ganze Zeit objektifiziert statt es als Mensch zu betrachten. Sei es als Spielzeug, als zu verwöhnendes putziges Haustierchen oder halt als Rennpferd-artiges Investitionsobjekt mit Premiumpflege – wehe das „lohnt“ sich später nicht!

    Ich selbst genieße gerade den fließenden Übergang aus meiner Mutterrolle zum Entdecken meiner Kinder, die nun alle junge Erwachsene sind, als unglaublich loyale, treue und liebe Freunde. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Sie haben ihr Leben und ich meines. Wir kennen uns logischerweise (?) unglaublich gut* und haben uns immer viel zu erzählen, wenn wir uns sehen. Wir haben gemeinsame Vorlieben aber auch Dinge, die bei uns allen total verschieden sind.
    *Ob wohl Eltern, die ihr Kind nie als Mensch ernst nehmen, es wahrnehmen können wie es ist mit seinen Stärken und Macken, Vorlieben und Dingen, die es nicht mag? Und wie sollen Helikoptermütter je eine gesunde Beziehung zu einem erwachsen werdenden Menschen aufbauen? Das schreit ja nach Zwang zur Flucht auf der einen und Klammern auf der anderen Seite…

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