KKK – Kirche, Küche, Kurzhaarschnitt

Meine Mom lästerte einst, dass viele Frauen im Alter aussehen wie ihre Mütter. Ok, eine gewisse Ähnlichkeit lässt sich bei uns beiden auch nicht leugnen.

Milieus ändern sich – gerade von früher zu heute

Wer meinen Blog länger verfolgt, weiß, dass ich mit meiner Schulzeit – vor allem der in der Realschule viel verbinde, was ich unter dem Bereich „Scheiße bis Semigut“ im Gedächtnis abspeichere. Wie soll ich sagen, ich war damals eher uncool, hatte immer das Bedürfnis, dass man mich mag und wollte doch nie Teil dessen sein, was die Gruppe war, nämlich eine sozial-homogene Klasse mit leichten leistungsbedingten Ausreißern. Ich hatte weder das ökonomische noch das soziale Kapital dieser Menschen und fand das echt eher nicht so toll. Waren sie das Georgy-Girl der Seekers, so war ich eher etwas aus einem anderen Song. Das änderte sich dann, als ich Abi machte, denn damals freundete ich mich mit meinem Uncoolsein an und das war das erste Mal ok für mich. Heute ist es mein Lebensentwurf.

Leben, sterben und das, was dazwischen liegt

Mein Lebensentwurf ist also nicht deckungsgleich mit dem dieser Mädels. Ich habe sechs Jahre wild in der Gegend rumstudiert, nebenher gearbeitet und allerlei anderen Spaß gehabt. Ich lebe zwar monogam mit dem Kerl, aber irgendwie nicht so, wie sich diese Mädels sich das vorstellen. Heute traf ich mal wieder ganz typisch ich auf solche Vorstellungen. Ich stiefelte ungeschminkt, auf der Suche nach Klopapier durch den Aldi. Und da der Aldi das soziale Zentrum meiner Heimat ist, treffe ich da jede_n aus meiner Schulzeit, meist mit Kind, Kegel und Kegelzubehör. Damit treffe ich aber auch auf Vorstellungen zu Lebensentwürfen und damit auch auf Vorstellungen anderer zu meinem Leben.

Ich dachte zwar nie, dass das etwas Spannendes für andere sei, denn immerhin besteht mein Leben aus mehr oder minder waghalsigen Fahrten in meinem kleinen Geschoss durch eine stark bewaldete Gegend, super spannenden pfelegerischen Tätigkeiten für meine Eltern und meinem exorbitant stark zu frequentierenden Leben mit Freund_en_innen, Famile, Patenzwerg und dem Kerl. Mein Leben ist ziemlich steil.

„Ey, Lami, wer war denn die Omma?“ – „Die Omma saß in Bio oder so in der Achten neben mir“

Solche und ähnliche Gespräche habe ich mit dem Kerl. Heute hatte ich eines dieser Gespräche mit meiner Mutter, die dann noch den Satz hinterher schon. „Ach, das war die? Die sieht aus wie ihre Mutter, vor allem mit dem Haarschnitt“. Das war ein klares Statement von Muttern und wieder etwas, das mich schmunzeln ließ. Nach einer ganzen Latte an Kommentaren zu meinem Lebensentwurf, den meine Klassenkameradin jetzt nicht so teilen kann, fand ich, ich war auf einem guten Weg meiner interstellaren Reflexionstherapie. Nach der Spiegel- Phase, in der ich immer ihr Verhalten gespielgelt und verbalisiert hatte, damit sie sich verstanden gefühlt hat, habe ich Distanz durch Überpräsenz von Umarmungen und Armanfassen gebrochen. Abschließend habe ich den Cut bestätigt, der damit der ganzen Geschichte mit den Lebensentwürfen beendet.

Wenn der Haarschnitt das einzig Mutige ist

Doch bei der Heimfahrt dachte ich darüber nach. Ich hatte keinen vergleichbaren Lebensentwurf. Ich war nicht mit 30 verheiratet, in einer Eigentumswohnung lebend und dem Mann den Hauptlebensunterhalt verdienend. Ich bin nur liiert, arbeite, konsumiere. Ich fahre ein 90 PS Geschoss im Kleinwagenformat, sie einen Minivan. Meine Haare waren schon blond, braun, schwarz, pink und alles andere dazwischen, ich habe schon geschrien, mich gegen die Welt gestellt und Gott beschimpft und es war gut. Täglich muss ich mich mutig vor oder hinter Menschen stellen oder gegensteuern. Ich glaube, das sind alles Erfahrungen, die sie verstärkt machen sollte, denn dann würde sie es nicht als mutig ansehen, die Haare abzuschneiden. Das war wohl der erste Normbruch in dieser Existenz – aber immerhin schon ein Anfang.

Ich weiß, dass ich 2023 an unserem zehnjährigen Abschlusstreffen nicht da sein werde, weil ich noch Döner holen wollte und jene Lebensentwürfe mir echt egal sind und ich meinen nicht diskutieren muss.

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2 thoughts on “KKK – Kirche, Küche, Kurzhaarschnitt

  1. Ich hatte 2013 30jähriges Abitreffen *räusper. Ich kann nur sagen: geh da hin! Nach 10 Jahren waren es noch die gleichen Modelle wie beim Abi, nur älter und mit meist ähnlichen Lebensbaustellen „Haus Auto Job Kind“ – – – nach 30 Jahren war es echt verblüffend, wie das Leben manche Leute verändert… Der Player von einst ein gramgebeugter Witwer, ein anderer, der in der Schulzeit ganz ok war, ein glühend missionarischer Esoterik-Sektierer (während der Schulzeit NEVER! EVER!) – aber die verblüffendste 180% Wendung hatte die Streberzicke von damals gemacht, die ein behindertes Kind bekam, das ihr Leben total auf den Kopf stellte. Sie hat jetzt völlig andere, viel sympathischere Prioritäten und ist megaentspannt geworden. JETZT wäre ich wohl mit ihr befreundet ^^

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