Distanz

Es gibt wenig, was mich so entsetzlich auf die Palme bringt, wie Distanzlosigkeit. Das beginnt bei Umarmungen von Menschen, von denen ich nicht umarmt werden will, weil sie doof sind und geht bis hin zu Ratschlägen, die objektiv zwar auf die Situation zu passen scheinen, aber völliger Bullshit sind.

Winken wie ne Weinkönigin

Ein Beispiel, das mich neulich zur völligen Eskalation trieb war folgendes. Ich arbeite ehrenamtlich politisch und da gerade Wahlkampf ist, muss ich auch nett lächeln und winken. Soweit ok. Mich aber extra aufzufordern, dass man meine Frauenpower brauche, stieß mich sehr auf. Warum?

Zunächst einmal bin ich also nur relevant, weil in meiner Gruppe Quotierungen voll gut sind und ich als Doppel-X-Chromosomenträgerin hervorgehoben werden sollte. Warum, weil ich eine Frau bin. Ich werde nie – so der Eindruck politisch mit einem Mann mithalten können, weil ich eben keiner bin und stattdessen werde ich aber in die erste Reihe gestellt, weil ich weiblich bin. Sorry, mein Name ist nicht Julia Klöckner und mache dieses Brimborium auch nicht mit, weil ich keine verkappte Weinköniginnenbraut bin. Verfickte Scheiße. Ich bin in erster Linie ein Mensch, der wegen seiner Positionen, Meinungen und Ideen ernstgenommen werden, nicht wegen meiner Brüste. Was mich hier noch weiter ärgert ist eben jene Distanzlosigkeit männlicher Mitglieder. Da bin ich also als junge Frau. Man starrt mir auf die Möpse, wenn man mit mir redet, fragt mich offen, ob ich schwanger bin oder sagt mir, wenn ich mit Nasennebenhöhlenentzündung im Bett liege, ich bräuchte frische Luft.

Warum machen das jene Herren, richtig, weil sie moralisch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind und in mir nur die Quotenmuschi sehen, die auch nicht ganz scheiße aussieht – wobei das im Auge des Betrachters liegt. Angenommen, ich wäre männlich, dann wäre uch wahrscheinlich einer dieser kettenrauchenden Langzeitstudenten, die intellektuell jeden ins Eck stellen, aber sonst eher auf Jobs setzen, die idealistisch motiviert sind – ok, mache ich auch. Nur würde man die männliche Version von mir deutlich ernster nehmen, weil die nicht ihre Wimpern pinselt und vermutlich deswegen beim Pimpern winselt, weil diese Gedanken gar nicht entstünden.

Silikon für mehr Distanz

Dass man als Frau oft anders ernstgenommen wird, ist die eine Sache, die andere ist aber, dass – zumindest geht es mir so – man eine andere Form der Distanzlosigkeit erlebt. Nicht 1,80 große Hühnen werden in der Sauna angerempelt, sondern ich als 1,65m große Frau – das gilt auch für die Tritte auf die Füße, angestoßen werden oder dass man vor einem unvermittelt stehen bleibt. Ist es also entscheidend, wie groß und breit man ist?

Ich denke ja. Denn der andere geht weniger auf eine körperliche Auseinandersetzung ein, wenn man die dementsprechenden Maße hat. Also ist man als kleiner Mensch, der nicht die nötige Körpermasse aufweist, automatisch eher das Opfer von Distanzlosigkeiten.

Distanz wollen – Distanz bekommen

Mittlerweile verschaffe ich mir Distanz und zwar die, die ich für mich brauche. Ich schaue, dass ich Grenzen ziehe, wo sie notwendig sind, notfalls sehr rabiat. Ich weiß, dass mir das den Ruf einer Zicke einbringt und das ist völlig legitim. Seit jeher sagen mir Freunde, Bekannte und meine Familie, dass ich verbal grandios verletzen kann. Also startete ich das Projekt: Grenzsicherung 3.0.

Ähnlich wie Frauke Petry habe ich auch einen Schießbefehl erlassen, allerdings für meine Grenzen und verbal. Rumballern ist irgendwie so 1982. Das Credo dabei ist:

  • Grenzen definieren – für mich und andere

Die einfachste Frage ist hier: Was möchte ich und was nicht. Wer darf mich umarmen? Wer darf was zu mir sagen und warum?

Zu Frotzeleien und körperlicher Nähe gehört Vertrauen und Sympathie. Meine beiden besten Kumpels aka Sgt Slaughter und der schwäbische David Lee Roth dürfen anderes, als andere Menschen. So bin ich Sgt Slaughter nicht böse, wenn er mich in eine Mülltonne setzt, anderen schon. Warum? Weil unser Verhältnis klar ist.

Besonders spannend finde ich das Thema Anfassen. Ich habe eine Freundin, die mir ab und an auch mal an den Hintern packt. Mach ich dann auch – alles gut. Bei anderen Menschen würde ich wahrscheinlich die Hand so lange in eine neue Form pressen, bis sie leider irreversibel verbogen ist. Sie darf es, weil unsere persönliche Ebene vor allem auf Vertrauen und einer Wertschätzung basiert.

Hier ist es wichtig, sich klar darüber zu sein, was die eigenen Grenzen sind und wie man sie sich steckt. Was dürfen Fremde? Was Menschen, die man so kennt und was Freunde? Ich frage beispielsweise bei Bekannten, wenn ich sie traurig sehe, ob ich sie in den Arm nehmen darf. Gleichzeitig achte ich auf körperliche Signale und versuche diese zu deuten.

  • Grenzen anderer erkennen

Das ist ein riesiges Thema. Ich versuche hier immer nach dem alttestamentarischen Prinzip vorzugehen. Auge umd Auge. Das heißt für mich, was ich als unangehm empfinde, mache ich bei anderen nicht. Sehe ich jemanden, der völlig verzweifelt ist, dann kann es sein, dass ich betreffender Person meine Tempos schenke und ihnen etwas Nettes sage. In meiner Studienzeit habe ich des öfteren Prüfungskandidat_en_innen einfach Trost gespendet. Hier war es wichtig, Grenzen gewähren zu lassen.

Grenzen sind wichtig und manchmal muss man aber auch erkennen, dass sie variabel sind. Was ich heute bei anderen Leuten dulde, kann sein, dass es mir morgen unangenehm ist, weil mir mein Reflexionsprozess signalisierte, dass es nicht ok war und sich nicht als akzeptabel angefühlt hat.

Das Gefühl dürfte bekannt sein, man geht aus einer Situation mit einem blöden Gefühl, weil etwas verletzt wurde. Was, kann man oft nicht benennen, aber dieses Gefühl ist da. Hier denke ich oft darüber nach, rege mich auf oder bin verschlossen. Genau hier setze ich beim nächsten Mal eine Grenze bei der betreffenden Person.

  • Grenzen anderer überschreiten

Wie man Grenzen setzt, darüber gibt es viele Theorien. Beliebt ist: „Das finde ich nicht gut“ zu sagen. Bedürfnisse sind hier wichtig anzusprechen, nur manifestiert das oft eine Hierarchie. Denn je nach Gegenüber unterwirft man sich oder man wirkt überdominant. Benennen ist wichtig, nur setzt das voraus, dass einen das Gegenüber ernst nimmt.

Mittlerweile überschreite ich, wenn ein „nein“ nicht wirkt, aktiv Grenzen durch völlig ambivalentes Verhalte gegenüber den Bedürfnissen des anderen. Warum? Es gibt die Theorie, dass man einen Autisten fest in den Arm nehmen muss, dass er seine eigene Körperlichkeit spührt und durch einen bewussten Grenzübertritt eine Besserung hervorgerufen wird. Gibt es Menschen, die sehr arrogant zu mir sind, fast überheblich- distanziert, so beginne ich mit Blickkontakt. Das Spiel kann mehrere Wochen gehen, dann folgen Berührungen und die ständige Konfrontation mit etwas Unangenehmem. Ich liebe es beispielsweise bei Neurotikern eine Spur des Chaos zu hinterlassen und bei Narzissten eine ständige Dekonstruktion des Egos vorzunehmen. Damit schaffe ich mir jene Grenzen, die ich brauche und damit meinen Raum.

 

  • (Optionaler Schritt) Verwüstung anrichten mit dem moralischen Anspruch, den Grenzübertritt zu signalisieren

Was steckt dahinter. Jemandes Leben ins Chaos zu stürzen ist nichts Nettes, das mache ich sehr selten und nur dann, wenn meine Grenzen massiv gefährdet sind und damit auch mein Wohlbefinden und meine eigene psychische und körperliche Gesundheit. Ich mache das beispielsweise bei Torpedomenschen (Erklärung kommt später).

Ziel der ganzen Sache ist es, die eigenen Grenzen zu wahren, sie zu stärken und damit auch einen eigenen Schutzraum zu schaffen. Gemäß des kategorischen Imperativs von Kant:

Dabei sollte zunächst die Universalisierungsformel betrachtet werden:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Immanuel Kant: AA IV, 421

Alles, wie ich handle, muss auch für andere gelten. Ich lasse meine Grenzen gewähren, also gewähre ich sie anderen. Durch eine Erschütterung der Grenzen des anderen, erwirke ich einen Reflexionsprozess, der dazu führen kann, dass der andere das nächste Mal meine Grenze achtet.

Hier ist es mir wichtig, klar zu sein und meine Bedürfnisse nach außen zu tragen. Auch, wenn ich mich wie die Axt im Walde verhalte, denn das, was ich mir an Distanzübertritt in diesem Moment leiste, das hat der andere zuvor getan. Der anderer ist dann beleidigt und ich habe meine Ruhe.

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