Todesstrafe und Emanzipation

Was ist Emanzipation? Und warum sollte man auch Kindermörder nicht den Penis entfernen

Emanzipation bedeutet im Sinne der Philosophie der Aufklärung nach Kant, dass der Mensch sich von seiner selbstverschuldeten Unmündligkeit befreie. Dies ist nachzulesen in Kants Vorlesung „Was ist Aufklärung“. Kant meint damit, dass der Mensch sich selbst davon lösen muss, Althergebrachtes weiter zu tradieren und stattdessen sich seines eigenen Verstandes bedient.

Was in der Hinsicht (wir töten alle Kinderschänder, die einem unschuldigen Kind das Hymenzerstörten) folgende Fragen aufwirft:

1. Was trägt die Kastration dieses Menschen nun dazu bei, dass sich das Opfer besser fühlt?

Es werden primäre Rachegelüste befriedigt, nur bleibt der Schaden an der Psyche des Kindes erhalten. Rache ist (und da schließt sich nun der Kreis zu Kant) kein guter Rechtsberater. Einem anderen die Menschenwürde abzusprechen durch Dritte greift wieder auch archaische, alttestamentarische Rechtsauffassungen zurück, die Gleiches mit Gleichem vergolten haben. Nun befinden wir uns nochmal gut 400 Jahre nach Kant und haben weitere philosophische Emanzipationsprozesse durchgemacht.

Gemäß des Humanismus, der sich – glücklicherweise- in der westlichen Rechtsphilosophie breitgemacht hatte, steht jedem Menschen seine Würde zu – egal welche Dinge er verbrochen hat, denn wieso sollte sich ein Rechtssystem anmaßen dürfen (es wird ja noch immer von Menschen, Fehler machen) über Leben und Tod zu entscheiden, wenn die Gefahr besteht, es könne zu einem Rechtsirrtum kommen. Man könne mithilfe von DNA-Abgleichen, genetischer Entschlüsselung des Erbgutes, Rechtsrobotern und totaler Überwachung zwar gewährleisten, dass es nicht dazu käme, inwieweit ist jedoch dann die Menschenwürde aller gesichert?

Die nächste Frage, die sich einem dann unweigerlich aufdrängt ist die Wertung nach der dann die Schuldfrage geklärt werden müsse. Wieso ist die Vergewaltigung in der Ehe der einer Jugendlichen nachzustellen? Müssen Abstufungen unternommen werden, wenn das Hymen der jungen Dame schon durch etwaiges Kunstturnen, Ballett oder Hürdenlaufen schon beschädigt war?

All das liegt unter der Menschenwürde der Opfer, denn es ist auch eine Frage der Zumutbarkeit.

Nun stellt sich meinerseits die Frage, warum es Menschen gibt, die harte Bestrafung für Straftäter fordern – etwa durch Folter oder andere witzige, schadende Arten der Bestrafung… Foucault (mein süßer französischer, schwuler Glatzkopf) beschreibt diese Reaktion wiefolgt: Einige Menschen haben Angst davor als abnorm zu gelten und spiegeln die eigenen Ängst vor dem Anderssein auf Menschen, die ihrem Bild nicht oder dem gesellschaftlichen Bild noch mehr nicht entsprechen. Reich (mein galizischer Lieblingsirrer), der diese Theorie anders, aber in ihrer Essenz gleich formulierte, führt dies auf eine Neurose zurück, die in frühkindlicher Zeit durch  etwaigen Liebesverlust (oder, wie Bernfeld weiter führte auch aus Rebellion, weil die Bedürfnisse des Es nicht weiter gestillt wurden) oder das Fehlen libidinöser Energie ausgelöst wurde… Daher bedienen sich auch Faschisten gerne dieser Theorien… (Hugh weiß jetzt, welche Forderung jetzt kommt ^^)

Was hat das nun alles damit zu tun, dass man Perversen ihre Schwänze nicht abschneiden darf? Und warum darf ich nicht an der Spitze eines wütenden Mobs von jemandem, der böse ist, durch die Straßen navigiert werden?

Um eigene neurotische Störungen zu kompensieren verweist der Mensch gerne auf Andere, die schlimmer, böser und fieser sind. Und genau da liegt der Hund begraben. Würde ihnen selbst eine solche Tat angelastet, würden sie Suizid begehen oder  doch auf ein humanes Gericht hoffen? Oder doch den möglichst grausamen Suizid wählen, indem sie in eine laufende Kartoffelklaubmaschine springen oder Körperteile hineinhalten?

Wer bestimmt was Recht ist? Recht oder Gerechtigkeit ist eine Frage dessen, was wir alle als gerecht empfinden (und glücklicherweise nicht, was eine kleine, tobende Masse gut findet^^) und dessen Schnittmenge. Würde es ja nach mir gehen, müsste man Menschen, die Wörter verstümmeln oder auch Phraseologismen, einen Finger abhacken. Ich hätte dann aber auch nur noch sieben… Juristen studieren jahrelang Jura und kloppen sich mit Ethikkomissionen, Rechts- und Moralphilosophen, die dann die Zumutbarkeit als allgemeingeltendes Gesetz formulieren anhand dessen dann wiederum im Einzelfall entschieden wird…

Natürlich werden nun wieder Stimmen laut, die Richter wären Unmenschen und unfair, nur stelle ich mir die Frage – die auf Täterquälbeführwörter nun einen polemischen Eindruck machen wird – wie würde sich jeder Einzelne auf einer Anklagebank fühlen? Nur weil die Gesellschaft sagt, Du seist schuldig, das Opfer  es meint und Du aber genau weißt, dass Du es nicht warst.

Mich erinnert diese Debatte immer wieder an eine Zeit, in der ich für diesen Blogeintrag wahrscheinlich gehängt, erschossen und verbrannt worden wäre. Wieso muss man, nach dem Nationalsozialismus, noch immer fordern, dass man Menschen tötet, nur um das kollektive Gerechtigkeitsbewusstsein monoperspektivisch zu unterfüttern? Ist es nicht vielmehr das Gefühl etwas richtig zu tun in unserer pluralistischen und auch komplexen Welt. Wir wissen nicht mehr was gut oder böse ist. Uns fehlt ein starker Führer, der es uns vorbetet und deswegen konzentriert man sich auch auf das einzig Böse, das es noch zu geben scheint. Denn es ist böse das einzig unschuldig Scheinende zu entmystifizieren, indem man ihm sein sozial konstituiertes Relikt letzter Unberührtheit nimmt. Doch leider stellt ein toter Täter kein zerstörtes Hymen oder totes Kind wieder her. Und wie soll man dann mit dem Henker eines Unschuldigen verfahren? Diesen auch töten – schließlich war der Täter in diesem Fall ja nicht Schuld am Tod des Kindes – der Henker aber am Tod eines Unschuldigen? Muss man eine Quote für Kollateralschäden einführen?

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