Darf Liebe das?

Der Text ist von 2008… und wurde ein Jahr nach dem Mord an einem Bekannten von mir geschrieben.

 

Darf Liebe das??

 

Langsam ziehen sie dahin über den Himmel, wie eine gigantische Schafherde.
Kühl umweht mich der Wind. Ich spüre, dass der Schritt, den ich tat, das Nächste war, auf dem langen Weg, den ich zu gehen habe. Dem Weg zu Dir. Ich bin an dem Ort, an dem Du aus dem Leben gerissen wurdest.

Meine Füße spüren den heißen Asphalt an den Sohlen. Ich glaube immer noch nicht, was geschehen ist. Einfach weg. Und das seit einem Jahr. Wir kannten uns fast nicht, bis auf das, das wir als Kinder zusammen spielten. Und jetzt wurdest Du aus dem Leben genommen. Weil Du die Ehre eines Kerls verletzt haben solltest, den Du nicht mal kanntest. Wenn ich daran denke, wie grausam es war, was mit Dir passierte, wird es mir noch immer schlecht.
Die Grausamkeit, die ein Mensch aus verletztem Stolz begehen kann, will mir nicht in den Kopf. Das will es keinem, davon gehe ich aus.
Es ist ein Jahr her, seit dem sie Dich beerdigt haben. Die Täter sind verurteilt. Und was bleibt?

Auf einen Schlag war meine Heimatgemeinde bekannt. Bekannt als das Dorf, auf dessen Obstwiesen ein Junger Mann arglos zusammengeschlagen wurde, bis er schließlich starb und dann beseitigt wurde.
Nach seinem Tod gründete sich eine Bürgerinitiative, wohl aus Hilflosigkeit heraus und forderte, dass man das Jugendstrafrecht nicht anwendet, um die Täter zu bestrafen. Sein Tod wurde zum Politikum. Ob dies aus Hilflosigkeit geschah weiß ich nicht, aber es scheint mir die plausibelste Erklärung.

Als ich davon erfuhr, dass er sterben musste, war ich schockiert. Wie es wohl jeder war, dem von diesem Fall erzählt wird. Man sucht oft bei so etwas nach den Gründen der Tat. Doch diese werden wohl für immer unergründet bleiben.

Der Mord zog große Kreise. So war es diesen Februar, als ich die Verhandlung besuchte. Ich wurde durchsucht, kontrolliert und bekam dann nur noch einen Stehplatz. Viele waren gekommen. Gepilgert zur Urteilsverkündung. Das gleiche Bild war auch an der Beerdigung. Überall auf jedem Gesicht sah man die Angst, die Empörung und auch die Machtlosigkeit, die die Menschen umtrieb. Die Ohnmacht über die tief verborgenen Neigungen, die in einem Menschen verborgen liegen können und die durch Liebe ausbrechen können.
Oft stellte ich mir die Frage, wo Liebe endet und der Wahnsinn beginnt.

„The closest thing to crazy“ ist bekanntlich die Liebe.
Einen Menschen biszur Selbstaufgabe zu lieben ist prinzipiell nichts Schlechtes, ebenso wie Verliebt sein. Schmetterlinge im Bauch zu haben, diese komische Dauergrinse und diese seltsame Leichtigkeit, die uns anfühlen lässt, als würde man über Wolken tanzen und das Leben einatmen. Man möchte diesen Rausch für immer erleben und den Grund dieses Gefühls ebenso lange bei sich behalten und an sich binden.
Irgendwann, also im Idealfall, merkt man, dass dazu Arbeit und Vertrauen gehört, um dieses Glück aufrecht zu erhalten. Man beginnt sich zu arrangieren, oder, wenn man merkt, dass es eben nicht sein soll, dann geht man wieder auseinander. So. Das wäre nun das Ideal.

Doch hier war es anders. Hier war Eifersucht im Spiel. Eifersucht, die einen Dritten das Leben kostete. Jemanden aus der Welt riss ohne nachvollziehbare Gründe.
Eifersucht ist prinzipiell nichts Schlechtes, wenn sie in Maßen auftritt. Immerhin beweist sie, dass einem am anderen etwas liegt und sie versucht auch, einen vor Tiefschlägen, wie dem Verlust der Liebe, zu bewahren. Jedoch ist sie auch, neben Habgier ein Mordmotiv.
Stalking, So scheint es, wurde zum Volkssport. Es scheint gerade so, als würde verzweifelt versucht, denjenigen, dem sie das gefühl der Liebe verdanken, an sich zu binden und das verpflichtend. Wird dann noch der Stolz verletzt, dann geschieht oft das Unfassbare.

Nur wieso passiert so was? Wieso knallt jemand aus Liebe völlig durch?
Liebe hat viele Gesichter – nicht nur glückliche. Viele Menschen zerbrachen am Druck der Umwelt, die von uns fordert einen Menschen zu finden und diesen glücklich zu lieben. Ich glaube, dass es das Schlimmste für viele Menschen ist, alleine zu sein und aufgrund dessen von ihrem Umfeld als ein Versager wahrgenommen zu werden. Also bringt man lieber jemand Anderen um die Ecke, als dass man selbst wie der letzte Trottel da steht.

Ob es mir passieren könnte, das weiß ich nicht. Ich glaube der Mensch weiß an sich nicht, was in ihm steckt und was auszubrechen vermag.

Ich sitze an dem Ort, an dem Du umgebracht wurdest. Dein Kreuz steht noch immer dort. Die Äpfel werden langsam rot, meine Fußsohlen brennen vom Asphalt und langsam hüllen mich die Schwere und der Geruch des Sommers ein. Ich kann mir die kleine Träne nicht verkneifen. Es bewegt sich immer noch vieles- in mir und da draußen.

Irgendwo, tief in mir weiß ich, dass sich durch Deinen Tod nicht viel verändert hat. Allerdings denken immer noch viele Menschen darüber nach, was passiert ist.

Die Bürgerinitiative bekam nicht Recht. Aber immerhin wurde erreicht, dass hoffentlich mehr Menschen über ihr Handeln nachdenken.
Lebendig macht es Dich nicht mehr –Leider. Man kann nur hoffen, dass Du von den Menschen nicht vergessen wirst und dass die Menschen endlich lernen über ihre Gefühle nachzudenken, bevor sie handeln.

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