Gedankenkotze

Ein Freund von mir postete diesen Artikel aus der Huffington Post auf Facebook und er erinnerte mich stark an die Anleitung zum Unglücklichsein. Der Titel lautet: Wie Du Dein Leben ruinierst, ohne es zu merken.

Im Leben läuft selten etwas geradewegs perfekt. Widerstände und Hürden tun sich auf, die wir meistern müssen, vor den kritischen Augen unseres Umfelds. Manchmal komme ich mir vor, wie eine Eiskunstläuferin, die ihre Schrauben und Piruetten vor einer nicht enden wollenden Jury dreht, die zu jedem Wackler und jedem gelungenen Figürchen etwas dazu gibt und alles weiß, vor allem besser. Unser Leben wird kommentiert und jeder, der auch nur ansatzweise eine Meinung zu etwas hat, gibt seinen Senf lautstark dazu ab. Unabhängig davon, ob er_sie die Situation kennt oder nicht. Immer und ständig.

Dabei geht es selten um die „war- doof“-Momente, sondern mehr um Fragen, die man für sich selbst längst geklärt hat, aber dann irgendwann daran zweifelt, ob die gefällte Entscheidung richtig ist oder war. Mir geht es beim Heiraten so. Um mich herum wechseln Frauen dauernd ihren Nachnamen. Mit der Zeit ist man dann so die einzige, die noch den Namen hat, mit dem sie geboren wurde. Das fällt natürlich auf und je länger man dann ohne Ring aber in einer festen Beziehung rumläuft, desto mehr wird die folgende Frage gestellt: „Wann ist es denn bei Dir/Euch so weit?“. Man beginnt sich zur rechtfertigen, man denkt nach und fragt sich, ob das, was man mit dem Partner ausgemacht hat, so richtig ist, auch, wenn man es selbst sowohl vom emotionalen als auch vom rationalen Standpunkt als das Richtige ansieht. Ähnlich ist das im Berufsleben. Mein Job scheint vielen, gerade aus dem technisch- betriebswirtschaflichen Bereich eher irrelevant, weil er so gar keine Berührpunkte zu ihrer Welt hat.

Genau an solchen Punkten fielen Sätze, wie: Wenn Du Lehrerin geblieben wärst, hättest Du jetzt mehr Geld. Ja hätte ich und ich hätte, bei meinem Glück auch noch eine Stelle, die mir dann auch noch einen Platz auf der Couch einbringen würde – dann hätte ich auch einen Therapeuten. Wäre ich damals nach Jena gegangen zum Studieren, statt in Schwaben zu bleiben, dann wäre ich… Hätte, hätte Fahrradkette…

Im Leben muss man sich entscheiden und manche Entscheidungen müssen von sich selbst für einen selbst getroffen werden. Würde man jede Entscheidung mit der ganzen Welt teilen, wären wir schon lange verhungert, würden nackt rumlaufen und kämen ständig zu spät, weil wir uns nicht entscheiden könnten, wann wir aufstehen und welches Verkehrsmittel wir zur Arbeit nehmen würden, wenn wir uns dazu entschieden hätten, dass wir arbeiten wollen. Entscheidungen und der Zwang dazu sind wichtig, denn sonst wären wir nicht überlebensfähig. Das gilt vielleicht in manchen Situationen mehr als in anderen, trotzdem müssen wir es tun. Umso mehr nervt es dann, wenn Entscheidungen, die schief gelaufen sind, ständig dazu genutzt werden, um es einem reinzuwürgen oder heimzuzahlen. Außerdem sind manche Entscheidungen auch vom Umfeld abhängig und werden auch für einen getroffen.

Mein liebstes Beispiel ist das Heiraten. Wie soll ich heiraten, wenn ich keinen Partner habe? Wieso soll ich jemanden heiraten, mit dem ich mich noch zusammenfinde. Klar, ich hätte damals den Jungmetzgermeister heiraten können, der wollte, dass ich ihn nähme, um dann die eigene Metzgerei zu leiten. Dann wäre ich vermutlich genau jetzt geschieden und das schon seit sieben Jahren. Ich hätte eine Schwägerin, die ich irgendwann mit einem Bohrhammer durch die nächste Kreisstadt getrieben hätte und sicherlich keinen Sex. Nie. Hier fiel mir die Entscheidung NEIN zu sagen leicht. Damals als er seine jetztige Frau heiratete verfasste ich diesen Blogeintrag:

Im Zuge allgemeiner Verlobungs- und Heiratswut freue ich mich über eine ganz besondere Ehe ganz ganz doll. Mein speziellster Verehrer ist endlich unter die Haube verfrachtet worden – hoffentlich laminiert und getackert.

Unsere Geschichte begann bei meinem Ferienjob. Er (Sohn einer örtlich recht bekannten Wurstproduzentendynastie) hatte sich mich bei meinem Ferienjob auserkoren. Da ich dabei einen Haufen kleine Kinder in Schach halten musste, wollte er dauernd seinen Mann stehen und mir beweisen, wie toll männlich er ist. Nachdem er mehrfach kleine Mädels wegen trivialer Vollscheiße zum Weinen gebracht hat und mein authistisches Spezikind zu nem Wutanfall gebracht hatte, war ich einem Massakker nah. Als dann noch die Aussage kam, ich solle mein Studium schmeißen und im Laden stehen, bekam ich meinen Vollraster.

Dieser Raster sah ungefähr so aus, dass ich in meiner Brüllstimme ihn alles hieß, was im Schwäbischen synonym mit Halbdackel verwendbar ist.

Als ich neulich die Neuigkeit einer Freundin sah, die seine Eheschließung kommentiert hatte, war ich dankbar. Ich musste dann nach seiner Frau recherchieren und stellte fest, dass sie wohl besser ein halbes Pfund Gelbwurst an den Mann bringen kann, als ich – neidlos. Ja, ich stehe auf bergeweise Würstchen, Speck und Steak. Kerl meinte, ich hätte eine Affäre vortäuschen sollen, um an Steak zu kommen.

Heute traf ich die beiden – er grinste mich mit dem: Das hättest Du bekommen können – Blick. Innerlich hatte ich meinen Reichparteitag MIT Fackelzug durchs Brandenburger Tor. Nicht, dass ich je eine Beziehung nur zu forcieren angedacht hätte (er sieht aus wie 100 Kilo Gelbwurst und hat ein monströses Problem mit dem Bilden gerader Sätze), aber alleine die Vorstellung als gemachte Frau durch die Botanik zu stelzen, widert mich vollkommen an. Ich gönne ihn ihr von Herzen (also vom Rind) und finde es schön, dass sie zueinander gefunden haben. Das einzige, was mich jetzt enttäuscht ist, dass sie einen normalen und keinen Wurststrauß hatte. Das wäre mal was gewesen!

Ich wäre mit diesem Menschen sowohl mit 19 als auch mit 29 nie glücklich gewesen und das wusste ich und weiß ich heute noch. Trotzdem finde ich dieses Vernageln auf die Vergangenheit scheiße. Auch ich habe nicht gelöste Konflikte und Verletzungen aus dieser Zeit, aber ich arbeite daran.

Das ist in meinen Augen das Wichtigste und nicht, dass die Welt um mich alle meine Entscheidungen super töfte findet.

Advertisements

One thought on “Gedankenkotze

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s