Der imaginäre Kinosessel, oder ich bin dann mal oben

Menschen – ich mag sie meistens. Oft mag ich sie nicht, weil ich das Verhalten dann nicht verstehen kann. Heute war wieder so ein Moment, in dem ich mich fragte, lebe ich auf einem anderen Planeten, vielleicht bin ich Yoda oder doch nur ein Vulkanier. Ich musste Einkaufen, um zumindest ein Mindestmaß an Vitaminen zu mir nehmen zu können. Bevor ich losging, meinte meine Nachbarin, ich solle mich nicht stehlen lassen. Dann entgegnete ich, dass ich eine Armlänge Abstand lasse.

Da war es, meine Polemik war wieder da. Immer in Momenten, in denen ich etwas seltsam oder bedrückend finde, immer, wenn ich verunsiert bin.

Die Armlänge ist der imaginäre Brock Lesnar

Einst, so ziemlich genau vor 21 Jahren erklärte mir meine Grundschullehrerin, dass ich, wenn sich andere schlägerten, eine Armlänge Abstand lassen solle, dann passiere mir nichts. Das klingt völlig wahrscheinlich, weil ich wegen dieses grandiosen Tipps auf dem linken Ohr schlechter höre, da die Armlänge keinen meiner Mitschüler interessierte, als sie mir mit einer Knallpistole ins Ohr schossen. Auf diese Idee kamen sie aber erst, nachdem meine Grundschullehrein einen zwanzigminütigen Zermon darüber abgehalten hatte, wie sehr das dem anderen schade. Danke für den Opferstempel an dieser Stelle.

Spätestens seit den Neunzigern weiß ich, dass eine Armlänge Abstand vor so ziemlich nichts hilft.

Frau Reker, ernsthaft?

Gerade von Frau Reker hätte ich Anderes erwartet. Ich hätte mir von ihr mehr Sensibilität für das Thema Gewalt gewünscht und auch mehr Verständnis für die Opfer. War es nicht Frau Reker, die angegriffen und schwer verletzt wurde?

Weiter schmerzt es, dass es von einer Frau kommt, die selbst Gewalt erfahren hat und es schmerzt zudem, dass man endlich erkennen muss, dass man als Frau keineswegs so gleichberechtigt ist, wie man es gerne wäre. Auch wenn man selbst davon ausgeht, dass man es sei, man ist es nicht. Damit meine ich nicht in erster Linie Muslime, sondern vielmehr den versteckten, westlichen Sexismus, der einem bei dieser Debatte um die Ohren fliegt.

Die Frau das schwache Geschlecht?

Nimmt man mal Frauen wie Tamina Snuka oder Ronda Roussey aus, sind viele von uns Männern körperlich unterlegen. Oft steht uns aber auch unser Hirn im Weg. Als Mädchen prügelt man sich nicht. OK, ich als alter Grundschulprügelzwerg jetzt nicht so, aber das steckt bei vielen Frauen tief in den Knochen. Eine sich schlägernde Frau, hat nunmal immer ein gewisses Image, das sich jetzt nicht so positiv auf die Fremdwahrnehmung auswirkt.

Man steht also irgendwo zwischen sozialer Rolle und dem eigenen Drang sich zu verteidigen. Erschwerend kommen Aussagen hinzu, dass, wenn man sich wehrt und den betreffenden Kerl anzeigt, oft seitens der Behörden Aussagen kommen, man habe einen zu kurzen Rock getragen oder den Kerl gereizt. So gesehen sind wir in der Wahrnehmung durch Teile der Gesellschaft noch immer die Verführerinnen, die die Männer aus dem Paradies schmissen.

Nötigung und Belästigung – subjektiv?

Das Schlimmste daran finde ich aber, dass sexuelle Diskriminierung oft kleingeredet wird. Wird man angegangen, belästigt oder auch sonst irgendwie diskriminiert, dann wird einem genau das dann vorgeworfen. Wer definiert Belästigung oder Beleidigung? Gleichzeitig steigt die Angst vor dem Fremden und diese beeinflusst wiederum das eigene Handeln. Ich zitiere hier gerne einen kleinen grünen Mann mit viel Macht. „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut. Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid“ (Yoda). Wir stehen momentan davor, dass viel Leid geschehen kann. Sei es von rechts oder von Seiten derjenigen, die bei uns Schutz suchen.

Gleiczeitig zeigt sich in dieser Debatte auch die Ambivalenz der Begründungen und Argumente von AfD und anderen Organisationen aus diesem Spektrum. Wer sexistische Plakate postet (ja, die JU- Unterhose beispielsweise) und sich gleichzeitig für den Schutz der Frau einzusetzen scheint, ist für mich nicht glaubwürdig.

Was weiß ich schon über Politik – ich bin ja eine Frau

Wer sich über solche Kampagnen echauffiert, wird schnell als linksgrünversiffte Kampfemanze abgestempelt. Gleichzeitig dienen solche Kampagnen genauso wenig dem Schutz von Frauen wie Frau Rekers Armlänge. Wer den Schutz von Frauen oder allgemein von Schwächeren dazu nutzt, seine strukturkonservativen Positionen zu bestärken, der setzt sich nicht für die Schwächeren ein, er kategorisiert sie und stellt Hierarchien her.

Aufstehen aus dem Kinosessel oder sitzenbleiben?

Momentan schwanke ich, ob ich meine Beobachter_innenposition verlassen soll oder nicht. Ob ich weiterhin privat bleibe, oder nicht – weil es mir momentan zu blöd ist.So lange man als politisch aktive Frau hören darf, dass man doch nur mal richtig gefickt gehört, dass einem die roten Flausen aus dem Kopf getrieben werden, so lange habe ich keine Lust. Auch, wenn es dem widerspricht, was ich denke und mir wünschen würde. Aber momentan bin ich der Sache müde und amüsiere mich lieber über die Ignoranz und die offen zur Schau gestellte Blödheit mancher Mitmenschen.

Yoda

Denn wer einem anderen sexuelle Gewalt wünscht, ist entweder ein komplettes Riesenarschloch mit massiven Problemen mit den eigenen Geschlechtsteilen oder komplett krank – auch, wenn sich das nicht unbedingt ausschließt.

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