Akadämlicher oder so

Ich liebe es, mich mit Menschen zu unterhalten, die nach ihrem mittleren Bildungsabschluss eine Ausbildung gemacht haben und die einem vorhalten, dass man lange studiert hat. Ja, ok. Ich habe Steuergelder massenhaft verschwendet, nur damit ich mit etwas mehr Geld auf dem Gehaltszettel als einige andere, aus der Bank laufe. Aber eigentlich bin ich ja gar nicht so gut, wie Menschen, die seit Jahrzehnten arbeiten und so praktisch veranlagt sind und so. Ich meine, ich hätte auch Erzieherin werden können, dann würde ich wenigstens etwas Sinnvolles tun.

Eigentlich könnte ich auch kündigen, eine Ausbildung als Zahnarzthelferin machen und dann ganz toll sein. Weil man ja Akademiker_innen nicht braucht, vor allem diejenigen nicht, die etwas studiert haben, was man sowieso nicht braucht (oder einfach zu wenig Vorstellungskraft hat). Genau solche Diskussionen sind nervenaufreibend und zehrend, denn ich weiß nicht warum, aber weder die klassischen Professionen (Mediziner – uhuuu wichtig, Juristen – uhuuuu chic und Theologen uhuuu Gott) noch irgendwelche Ausbildungsberufe und auch keine Ingenieurs- oder Wirtschaftswissenschaften müssen sich derartig rechtfertigen, wie Sozialwissenschaften.

Sozialwissenschaftler sind die Harzer unter den Akademikern?

Was wir tun, weiß kaum einer, aber jeder denkt, es sei überflüssig, denn das was wir erforschen, das gibt es ja gar nicht, oder so. Stattdessen muss ich mir von Bankschaltermenschen, Handwerkern und Büromenschen anhören, dass sie schon so viel Geld haben und dass ich ja selbst Schuld bin, dass es mir nicht so gut gehe. Es ist schon seltsam, dass ich mein Wohlsein meist nur auf meine körperliche Verfassung beziehe und nicht auf deren Akademiker_innenneid. Ich bin eine eingebildete Ziege, der man wohl erklären muss, wie die Welt funktioniert – und das als jemand, der glaubt, die Flüchtlinge nähmen ihm etwas weg. Ich kann das ja nicht beurteilen, weil ich ja nur das Leben aus meinen Büchern kenne und den ganzen Tag mit Luftwegatmen beschäftigt bin, statt damit etwas zu arbeiten.

Vielleicht sollte ich mir auch so ein Leben angewöhnen. Ich fange am besten gleich damit an. Als erstes erkläre ich einem Elektriker, an welche Kabel er fassen muss und wenn er das nicht macht, sag ich ihm, ich hab das schließlich in einem Ratgeber zum Kabel verlegen gelesen und ein Youtube- Video gesehen.

Ich sollte mir auch interessante Hobbys suchen wie Schlepperfahren, Zumba morgens um 10 oder mir einen Hund kaufen. Denn das sind komischerweise Dinge für die ich keine Zeit habe, obwohl ich doch nichts Weltbewegendes arbeite. Ja scheiße, als Akademiker ist man ja einfach so schlecht im Zeiten einschätzen. Wir haben zwar Abitur, ein Studium beendet, uns teilweise verschuldet, nebenher gearbeitet und dabei Scheiße gefressen, nur um denjenigen zu beweisen, dass wir völlig nutzlose dumme Theorieleichen sind, die zu blöd sind, ihre Schuhe zuzubinden oder den Arsch auf dem Schüssel zu postieren. Denn wer braucht schon Abitur, ein Studium oder einen Job, in dem man glücklich ist, wenn er neben dem Zahnarzt – der darf ja studiert haben – die Spucke aus den Backentaschen zu saugen. Eigentlich sollte man zum Prinzip von Pol Pot zurückkehren und sämtliche Akademiker aus dem Land jagen – also töten muss man sie ja nicht, aber zumindest kann man sich dann ja auch dem Westentlichen zuwenden oder so.

Live and let die oder so ähnlich

Jeder sollte in meinen Augen das machen, was ihn glücklich macht. Wenn es Experimentalphysik ist, dann sollte das derjenige tun. Wenn es die Lebensaufgabe eines Menschen ist Rohre zu verlegen, Schweine zu schlachten, Leitungen zu verlegen, Spucke abzusaugen oder kleine Kinder zu behüten, dann bin ich diesen Menschen dankbar. Doch ich erwarte die gleiche Achtung oder zumindest einen Funken Respekt. Ich habe zwar einen Beruf, den ich jedem erklären muss und dessen Relevanz sich mancheiner Person, die nicht aus dem sozialen Bereich kommt, nicht zu erschließen scheint, aber es ist ok. Ich frage doch auch Zerspanungsmechaniker, was sie tun und überlege mir anschließend, die berufliche Relevanz des Jobs, behalte sie aber dann eher für mich, wenn sie sich mir nicht erschließt, schließlich bin ich keine Expertin für Arbeitsprozesse in der Wirtschaft oder mittelständischen, technischen Betrieben.

Ich habe es mittlerweile aufgegeben, Menschen meine Tätigkeit zu erklären. Für die meisten bin ich Personalerin im sozialen Bereich – nix mit Sozialmanagement, nichts mit Arbeitsrecht, nichts mit Beratung (was zentrale Aufgabenbereiche meines Jobs sind) – das sage ich nicht, das würde verwirren.

Du bist doch Erzieherin oder so.

Auf diese Frage antworte ich prinzipiell mit oder so. „Oder so“ ist super. Wenn ich an Freunde von mir denke, die beispielsweise Mund- Kiefer- Gesichtschirurg sind – die sind Zahnarzt oder so, oder an Ingenieure für Luft- und Klimatechnik, die sind Klimaanlagenschrauber oder so. Wobei ich dieses Tiefstapeln angenehmer finde.

Meine Tante beispielsweise erzählt jedem, sie sei Sprachförderlehrerin in einer Grundschule. Dabei steht sie in der Kantine und verteilt sie das Essen in der Mittagspause. Ein anderer Fall ist die Schreibkraft beim Zoll, die im Urlaub jedem erzählt, sie stehe am Flughafen und nehme Terroristen fest.

So etwas würde sicherlich nicht passieren, wenn alle Jobs gesellschaftlich anerkannt werden würde.

 

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2 thoughts on “Akadämlicher oder so

  1. und was bist du nun? BTW:

    Was ist der Löwe von Beruf? Löwe ist er. Löwe!
    Der Fuchs ist Fuchs, das ist genug. Möwe ist Möwe.
    Was ist der Mensch? Fabrikarbeiter, Schüler, Chefarzt, Fahrer.
    Was du auch seist – im Hauptberuf sei Mensch, ein ganzer, wahrer.“
    (Josef Guggenmos)

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