Lehramtsstudierende retten die Welt #fakt

Im Alleingang auf dem Dreirat

Heute war wieder so ein Moment. An der Uni gab es jemanden, der einer anderen Studentin eine Macke ins Auto machte, weil er etwas überschwänglich die Tür öffnete. Die Studentin beschwerte sich, die Freundin der Verursacherin postete Straftatbestände – unter Anderem §86 – wegen eines Kennzeichens. Und dann ging die alte Diskussion wieder los. Sowas-will-Lehrer- werden. Ständig wird bei Lehramtsstudierenden dieses Argument aus der Tasche gezogen, vor allem, wenn es um Verkehrsunfälle geht.

Als ehemalige Lehramtsstudentin und abgebrochene Referendarin weiß ich: Moralinschwangere Selbstbeweihräucherung scheint in diesem Studiengang das zu sein, wie den Jura- Burschis aus Tübingen das Polohemd und die Chino – unverzichtbares Skill zum täglichen Überleben. Im Master amüsierte es mich mehr, nach meiner Thesis zu einem Thema, das sich eben mit jenem Habitus befasst hat, möchte ich brechen.

It’s moraline, you’re injecting…

Wer es als schlimmer ansieht, wenn andere einem ein Buch, das man sich locker als PDF aus dem Netz ziehen kann, wegreservieren, als eine Straftat, dem ist wirklich nicht zu helfen und derjenige ist, wie man es einst so schön sagte, Teil des Dorfschullehrergeschwaders. Nicht des Berufsstandes, sondern eben jenes kleinbürgerlichen Klüngels, der alles schlimm findet, wenn die eigene Bequemlichkeit, getarnt als Freiheit, in Frage oder beschränkt wird. Bei anderen ist es doch scheißegal. Das sind genau diejenigen, die einen auslachen, wenn einem die Einkaufstüte kracht, aber selbst rumheulen, wenn es ihnen passiert.

Ich empfinde diese Verbindung aus kleinbürgerlichen Tugenden mit dem Habitus einer ganzen Berufsgruppe nicht nur als bedenklich für die persönliche Entwicklung jener Menschen, sonder auch als bedenklich für andere. Wie sollen Menschen, die anderen vorwerfen, wenn sie sich offen gegen ein falsches Verhalten äußern und sich etwas darüber mokieren, sie würden einen Shitstorm machen, Kinder zu mündigen Bürgern erziehen? Satire ist nur im Fernsehen in Ordnung – dass diese aber auch den Selbstreflexionsprozess anreget, ist etwas, das gerne vergessen oder vielmehr ignoriert wird. Denn wieso ist dieser ehrbehaftete, loyale und hochgradig anständige Berufsstand, der immer derartig moralinsauer argumentiert, wohl die Berufsgruppe mit den eklatantesten Mobbingfällen, der höchsten Burn- Out- Rate und deren Ausbildungsinstitutionen voll von Menschen mit psychischer Belastung. Es soll Lehramtsanwärter_innen geben, die hinter vorgehaltener Hand sagen, so lange es diese Menschen im öffentlichen Dienst gibt, so lange wäre auch möglich, dass in der Bukowina kleine Mädchen an Rampen Geige spielen.

Moral ist, was Du draus machst

Sich hehre Ziele zu stecken, scheint der Teenagerzeit innezuwohnen. Es besser zu machen und dann doch auf ein Ross zu sitzen, das zwar hoch, aber auch lahm ist.

Dies beginnt gerne in den frühen Phasen dieser Studiengänge, in denen man sich sehr stark – Freud würde sagen libidinös – mit jenem Beruf identifiziert. Es scheint kein Beruf, sondern der zwanghafte Versuch einer Berufung zu sein, immer bemüht, sich selbst als leuchtendes Beispiel vor alle anderen zu stellen, unfehlbar zu sein und das auch nach außen zu transportieren – egal über Sprache oder über das ganze Verhalten. Plötzlich werden andere Menschen im Alltag gemaßregelt, Lehrerphrasen („Hier ist es mit im Moment zu laut – Halloooo“) oder auch die typischen Anerkennungssätze verwendet.

Es ist Dein Job, das bist nicht du…

Diese Überidentifikation ist stellenweise sehr seltsam. Deswegen sollten sich auch Dozierende überlegen, wie sie dies transportieren. Denn nichts ist schlimmer, als eine Arroganz und einen Stolz auf etwas nach außen zu tragen, das man noch nicht hat. Denn weder das erste noch das zweite Staatsexamen machen einen zu eine_m_r guten Pädagog_en_in. Denn was eben jene Lehrer_innen bzw. Pädagogenstöcke nicht verstehen: Man kann Lehrer sein, aber kein Pädagoge, denn dafür braucht man Geschick, Reflexionsfähigkeit und Humor. Man braucht Weitblick und Liebe zu seinen Mitmenschen und die ist selten vorhanden, wenn man andere ständig zu maßregeln meint, weil es dem eigenen Ego so schön schmeichelt.

Ich sage es daher mit Stolz: Danke, dass damals für mich entschieden wurde, dass ich nie Lehrerin sein kann und es auch nie mehr werden kann. Ich bin froh, dass ich Abends nachhause fahren kann und Privatmensch bin, so gemein, sarkastisch, albern und tollpatschig ich bin und das stört, außer meiner Familie und meinen Nachbarn irgendwie erstaunlich niemanden.

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