Also der soundso hatte das ja auch…

Neulich hatte ich einen Autounfall. Mein geliebtes Fahrzeug ist nun kurz vor der Schrottpresse und mein Rücken wäre es auch gern. Schulterblattfraktur und Schleudertrauma – läuft also bei mir.

Da ich gestern auch noch einen erhebliches Stück näher an die 30 rückte, rief die Verwandtschaft an. Bis auf meinen Patenonkel und meine Lieblingstante schaffte es keiner, im Gespräch jenen einen Satz zu vermeiden:

„Also mein [Funktionsbezeichnung einer Person einsetzen] hatte das ja auch und dem hat [wirre Maßnahme einsetzen] geholfen“.

Zunächst erzählte mir eine Tante, dass ihr Sohn ja seine Diplomarbeit vom Krankenbett aus geschrieben hat. Nunja, der arbeitete aber nicht voll, so wie ich. Mein bourgeoiser Superpatriarchenonkel erklärte mir, dass er auch schon so einen Unfall hatte und seinem Daimler sei nichts passiert. Eine fucking S- Klasse hat aber mehr, auf das ein anderes Auto rauschen kann. Außerdem hatte sein Gärtner einen Auffahrunfall mit einem Pfosten, der stellte sich auch nicht so an. Dass Pfosten mit Vollkaracho auf einen Fiat auffahren ist ja eher selten.

Viel bedenklicher fand ich aber, dass man immer wieder völlig bekackte Beispiele, die mehrere Galaxien neben der Lebenswirklichkeit eines anderen liegen, so unverfroren heranzuehen kann.

Leuchtende Beispiele und traurige Wahrheiten

Mein Fall war ein eher normales Beispiel für solch eine Aussage. Schlimmer finde ich, dass es wohl Menschen gibt, die da gerne Dinge erfinden, um ganze Menschengruppen zu diffamieren. Da ich das Thema Flüchtlingslügen gerne an einem weniger heiß diskutierten Zeitpunkt beschreiben würde, wähle ich ein anderes, das vor ca. 40 Jahren brisant war.

In meiner Familie gibt es – ganz untypisch für die Ausdehnungsgebiete des Pietkong und der katholischen Gegenfront – einen Haufen unehelicher Kinder. Als meine Cousine ein uneheliches Kind auf die Welt brachte, gab es ein Nicken zur Kenntnisnahme. Als aber einige dieser Kinder geboren wurden, die jetzt schon selbst Eltern sind, gab es einen Aufschrei. Meine Tante, die Frau meines Oberbourgeoisen Hyperpatriarchen bekam einen Herzanfall als eine Verwandte im Krankenhaus lag. Soetwas gab es in userer Familie nicht. Und außerdem sei die Tochter der Putzfrau der besten Freundin der Ehefrau des Kollegen ihres Mannes auch Mutter eines solchen „Schandflecks“ [Zitat anno 1979]. Dieser Schandfleck sei ja schon nahezu kriminell mit drei Jahren. Das war über Jahre hinweg ihr leuchtendes Beispiel, also müsse das betreffende Kind auch kriminell werden, wenn es in Schande geboren werde.

Sehen wir uns die beiden Schandflecke heute an. Der eine ist die Leitung einer internationalen Werbeagentur mit sehr coolen Kampagnen und großem sozialen Engagement. Der andere ist Verwaltungsmensch und tut genau dann etwas Gesetzeswidriges, wenn er Feldwege mit dem Fahrrad fährt.

Diskussionstool deluxe

Und ja, ich gebe zu, diese Argumentationsweisen nerven. Was nämlich ein anderer in einer nur annährend vergleichbaren Situation macht, bedeutet nicht, dass ich das machen kann oder werde. Von außen etwas zu beurteilen ist dämlich. Eigentlich sollte ich meiner bourgeoisen Supertante das ja mal sagen, wenn Frau Privatpatientin wieder über das Zipperlein am Knie referiert. Ich werde dann auch sagen: Och, das ist ja nichts. Mich juckt das ständig. Aber hey, ich schmiere einfach geröstete Affenärsche in Pulverform drauf.

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2 thoughts on “Also der soundso hatte das ja auch…

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